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22. Oktober 2022 – Statt Gesicht nun Stimme

Im kommenden Monat, am 10. November um 19 Uhr 15, wird an der Berliner Humboldt Universität eine Ringvorlesung unter dem Titel “ Nach der Stimme“ eröffnet, von Thomas Macho, dem Direktor des Wiener Instituts für Kulturwissenschaft. Die Stimme ist in Gefahr, und es wird wohl ein Abgesang: „Ihre einzigartige Prosodie, ihre spontane, ephemere und brüchige Performanz erzeugen eine Nähe und Intimität, mit denen selbst das Gesicht nicht mithalten kann.“

Wir fürchten mit. Denn die Transformation der Biomasse Mensch geht eben weiter, unaufhaltsam, während das Original sich zunehmend kriegerisch zerstört, seis durch Krieg, Seuchen, Hunger oder Misswirtschaft. So jedenfalls wirkt es heute: Putin beschiesst immer wahlloser alles Ukrainische, inzwischen auch mit iranischen Drohnen. Denn Iran ist der Freund Putins, hat mit ihm Syrien unterjocht und mit dem Bau von Atombomben begonnen, um Israel auszulöschen. Die Verhandlungen mit der Atombehörde aus Wien stecken fest.
Aber es entsteht soeben eine Revolution im uralten Persien. Begonnen als Protest gegen den Tod einer jungen Frau, die das Kopftuch angeblich falsch trug und dafür im Gefängnis starb. Mit rasender Geschwindigkeit breiten sich Aufstände aus, und man sieht: Kein Palast, keine Kongresshalle, kein Parlamentssitz vertritt noch bürgerliche Interessen, weltweit ist es die Strasse. Doch sind es vor- oder nachbürgerliche Interessen, mehr nicht, denn weltweit liefern sich Menschen auf diesen Strassen der technischen Gesichtskontrolle aus, mit anschliessender Festnahme und Vernichtung.

Die Entmenschung des Gesichts zum Objekt der Registrierung und , im Gegenzug, der vorsorglichen Fälschung, sei sie kosmetisch oder chirurgisch oder beides, hat in den letzten Jahren die Stimme als organisch naturbelassenen Ersatz zu ungeahnter Beliebtheit gebracht. Die ersten podcasts wurden mit tosendem Beifall quittiert, inzwischen zerstören sie den Rundfunk, da podcasts zeitversetzt und isoliert hörbar werden. Zudem erlauben sie jedem Privatmenschen eigene Produktionen, ähnlich wie in der Musik-oder Videoszene, die ihre inzwischen gern getürkten Zuckungen vorführen. Aber die authentische Stimme, der immer schon gehegte Gesichtsersatz: womöglich verstummt sie demnächst ebenfalls?

2024-10-22T23:38:58+00:0010 '22|Gesichtsrundschau|

16. Oktober 2022 – Streit: was ist das?

Seit einer Woche zeigt das Berliner Museum für Kommunikation eine ultimative Ausstellung zum Thema „Streit“. Nichts anderes erleben wir gerade täglich auf allen Ebenen: in Familien, Stammtischen und Kneipen, in Schulen, Universitäten und Kulturstätten, in Betrieben und Vereinen, Parlamenten und Parteien und vor allem: in der Weltpolitik, blutig zwischen Nationen und tückisch auf digitalen Plattformen. All diese Streitereien werden mehr oder minder genau in Bild und Schrift und Ton performiert, registriert, kommentiert und (womöglich künstlerisch) bewertet: also in Medienereignisse umgegossen.

Lässt sich in diesem Urwald eine Schneise des Verstehens schlagen? Die Ausstellung beginnt vernünftigerweise mit der Feststellung: Streit ist Teil der menschlichen Kommunikation, begegnet uns täglich und ermöglicht Austausch, Annäherung und gegenseitiges Verstehen. Kompetenz im Streiten will die Ausstellung einüben – und sie wendet sich eindeutig an jüngere und jüngste Besucher:Innen. Rund 150 Streit-Geschichten werden repräsentiert von historischen oder künstlerischen Objekten, Fotografien, analogen und digitalen Dokumenten.

Gottlob reduzieren die Kuratoren diese unüberschaubaren 150 Zugänge zum Thema schnell und energisch. Wie in einem Puppenspiel mit wechselnden Szenen gibt es vier Streitbühnen namens Kunst, Liebe, Macht und Geld, und fünf Besuchertypen, die sich jeweils in den Streitfragen positionieren sollen. Diese fünf Typen werden nun allerdings ausgerechnet von fünf Figuren repräsentiert, die nicht über die Menschensprache verfügen, nämlich von Tieren. Eule, Fuchs, Schildkröte, Affe und Wolf besuchen das Berliner Museum für Kommunikation und zeigen, wie man sich im Streit verhalten kann. Eine Skala zwischen nachdenklich (Eule) und schlau (Fuchs), distanziert (Schildkröte) und gesellig vermittelnd (Affe) oder rechthaberisch (Wolf).

Darüber kann man sinnieren. Tiere spielen natürlich seit der Antike eine große Rolle in der Literatur, in der Fabel, aber auch in Mythologie und bildender Kunst. Oft und gern legt man ihnen menschliche Laster und Tugenden bei; dass sie sprechen wie Menschen verwundert niemanden. Leben wir aber noch im Zeitalter des Aesop? Tiere bilden heute das nahezu letzte Thema der analogen Lebenswelt; täglich sterben ganze Gattungen aus, andere züchten wir milliardenfach, um sie zu verzehren. Die Umstellungen hin zu einem fleischlosen Dasein sind revolutionär, stürzen die Ökonomie in eine hinduistische Schlucht – während oberflächliche Politik sich über den Islam erregt.

Was bedeutet Streit unter Tieren? Wirklich kennen Tiere auch – wie die Ausstellung – nur ein paar Bühnen, wie Streit um Nahrung, um Sex und Fortpflanzung,um Rangordnung und Reviere. Aber auf genau diesen Bühnen wird gnadenlos getötet. Die Literatur scheut sich nicht vor dem Tod: Rotkäppchens Wolf wird getötet und man soll denken: zu Recht. Aber oft wird der Tod auch besiegt, Schneewittchen wird gerettet ebenso wie Ödipus. Nicht so beim Menschen, der tötet wie das reale Tier und weitaus grausamer.

Die Ausstellungsmacher haben selber bemerkt, wie ungeheuer komplex das ganze Thema ist. Sie haben es zusätzlich auf mehreren Diskursetagen angesiedelt, in Form übersichtlicher Kapitel im Netz, als „Expotizer“ mit Begriffserläuterungen, mit Fragekatalogen und Normsetzungen. Alles dient der Bewusstmachung unserer maximal komplexen sprachlichen Interaktion – aber für den Abgrund, an dem sie heute steht, zwischen digitaler und militärischer Vernichtung der sprechenden organischen Subjekte, wird man auf ein „Forum für Streitkultur“ verwiesen. „Argumentieren mit Andersdenkenden“ heisst dessen Programm. Möge es weite Verbreitung finden.

2024-10-23T14:12:00+00:0010 '22|Gesprächsrundschau|

3. Oktober 2022 – Tag der Deutschen Einheit: Ja oder Nein

Selten war man hierzulande so uneins wie heute – ein Wunder, dass der Gedenktag überhaupt begangen wird wie diesmal vom Land Thüringen. Noch vor einer Woche tobten sich dort Wutbürger aus, die Polizei sprach von 24tausend Demonstranten. Man war gegen die Energiepolitik, Coronamassnahmen, PutinSanktionen – gegen den Staat überhaupt. Die QuerdenkerKolonne hat sich pünktlich zum Herbstbeginn stärker denn je gemeldet. Dass Bevölkerungsgruppen sich meinungsdesparat spalten, und zwar am liebsten hälftig, gilt aber nicht nur für (Ost) Deutschland sondern für bedenklich viele Länder. Frankreich, Italien, Schweden, England, Griechenland, Bosnien-Herzegowina, Polen und last but not least den USA. Seit dem Auftritt von Donald Trump gehört eine Dolchstoßlegende zum Waffenbestand. Der brasilianische Präsident Boslonaro will nach Trumps Vorbild eine Wahlniederlage als Fälschung bezeichnen. Was aus Russland an Lügen und geradezu wahnsinnigen Behauptungen zu uns dringt, hat Züge eines nationalen Irreseins.

Spaltung droht hierzulande aber auch den Parteien – wie etwa der Linken – und der Regierung – wie etwa der Ampel. Überall wird momentan eilig beschwichtigt, eilig versöhnt, aber wie haltbar? Die drohenden Gas- und Geldknappheiten zwingen unsere Regierenden zu ungewöhnlichen, womöglich aber nicht rechtssicheren Maßnahmen. Jeder Fehler in unserer Justizmaschine kann aber Prozesse, Eilverfahren, Rücknahmen erzwingen und Sand ins Getriebe der Staatsordnung werfen. Zur Freude der Gegner.

Vor dieser Folie muss man die Inszenierung von Wladimir Putin vor zwei Tagen betrachten, seine blanke Machtergreifung über vier ostukrainische Provinzen, mit einer irrsinnigen Beschwörung von staatlicher Einheit, historischer Größe und Rechtsgültigkeit. Der helvetische RütliSchwur von 1291 hat hier wohl Pate gestanden. Zu früh gefreut! Noch während der pompösen Feiern siegten ukrainische Soldaten über mehrere Tausend russische Besatzer der Stadt Lyman und straften den voreiligen Machtrummel Lügen. Im Sicherheitsrat wurde der Unrechtsakt verurteilt, doch leider enthielten sich China, Indonesien,Brasilien und Gabun der Stimme und Russland blockierte mit einem NEIN. Das ist sie wieder, die Ohnmacht der Abstimmungsdemokratie. Wieder möchte man wissen, welche anthropologische Mutation das „Nein“- Sagen wie auch das „Enthalten“, vulgo das Schweigen überhaupt möglich gemacht haben. Gaston Bachelard hat sich 1940 an dieser Frage versucht.

2024-10-23T14:13:03+00:0010 '22|Gesprächsrundschau|

10. August 2022 – Sprechen und Schweigen im russischen (Un)Recht

In der jüngsten Ausgabe des verdienstvollen „Verfassungsblogs“ von Maximilian Steinbeis wird von Dimitry Kurnosov (Helsinki Universität) das zeitgenössisch russisch-faschistische Sprachregime beschrieben. Die erste Maßnahme kam demnach 2007 mit der Anordnung, alle möglichen Gruppen und Menschen mit Attributen wie „terroristisch“ oder „extremistisch“ oder „unerwünscht“ oder „feindlicher Agent“ einzustufen – bzw. zu benennen. Die gehorsamen Medien legten und legen immer weiter ZensurGitter über die Öffentlichkeit, hinter denen sich Verhaftungs-, Prozess- und Verurteilungsabläufe anbahnen. Seit 2020 müssen die Medien bestimmte russische Personen und Organisationen als „unerwünscht“ bezeichnen. Seit 2015 gab es 55 solcher unerwünschter Personen, aber seit Anfang März 2022 kann jeder Mensch, der sich in Russland aufhält, für bestimmte Ausdrücke verhaftet und verurteilt werden, etwa wegen „Verunglimpfung der Streitkräfte“, oder „Fehlinformationen über den Einsatz der Streitkräfte im Ausland“ oder eben auch „Krieg gegen die Ukraine“. Medien, die sich nicht daran halten, können zu hohen Geldstrafen verurteilt werden oder sogar die Lizenz verlieren. Bekannte Beispiele sind Memorial und die Organisation für Jüdische Auswanderung. Der Hauptzweck, schreibt Kurnosov, bestehe in der Markierung „ausgewiesener Zielpersonen“ , die dergestalt als fremdes Element in der Gesellschaft erscheinen. Statt die unliebsamen Medien einfach auszulöschen, würgt das Regime einfach deren Sprache ab. „Der Musterbürger ist kein Sturmtruppler sondern ein zynischer Stubenhocker, der alles vermeidet, was auch nur annähernd politisch ist.“ In Deutschland kennen wir diesen Zynismus aus der bitteren Nahaufnahme von Victor Klemperers LTI: Lingua Tertii Imperii = die Sprache des ‚Dritten Reiches‘. Massnahmen wie die genannten, sagt Kurnosov, wirken zunächst preiswert für das Regime, könnten aber zu „etwas sehr viel Schlimmerem“ führen.

2024-10-23T14:13:55+00:0008 '22|Gesprächsrundschau|

8. August 2022 – Sommerpausen?

Einiges kam in den letzten Wochen in Bewegung, jemand hat sich in den stockenden Dialog der Bruderkriegsparteien auf Weltstaatsebene eingemischt: der türkische Präsident Erdogan. Es gelang ihm offenbar, die Lieferungen von Getreide durch riesige Schiffstransporte in Gang zu bringen. Russland, Ukraine, Türkei und UNO unterschrieben Verträge, sicherten Schutz zu, drangen auf Minen-Räumung der Häfen und Kontrollen beim Einlaufen der Fracht. Die Kehrseite vor drei Tagen: Erdogan traf Putin in Sotschi. Sie vereinbarten demonstrativ neue Wirtschaftsbeziehungen. Erdogan wird in Rubel zahlen. Also nimmt nun ein NATO Mitglied offiziell die Gespräche mit dem verhassten und gefürchteten Diktator auf. Warum? Er soll ihm den Einmarsch in Syrien gestatten, um die Kurden zu bekriegen. So also sieht üble Diplomatie aus: mit Menschenfürsorge hier, Menschenvernichtung dort zu ermöglichen.

2024-10-23T14:14:23+00:0008 '22|Gesprächsrundschau|

17. Juli 2022 – Soldatenporträts

Paul Ingendaay beschrieb vor einigen Tagen in der FAZ das Wirken eines ukrainischen Malers namensWolodymyr Kaufmann, der seit dem 24. Februar fast nur noch Gesichter gefallener Soldaten zeichnet oder kritzelt. Es seien keine realistischen Porträts, aber eine Art Kunstarmee, mit stereotyper Mimik unter dem Helm. Viele tausend Stück, schreibt Ingendaay, habe er gesehen, eine Entsprechung zu den realen Fotografien, mit denen Lemberg in der Garnisonskirche der Toten gedenkt. „Kein Gefallener darf vergessen werden“ ist die Devise des Malers. Sein Heer spiegelt vielleicht schauerlich und hilflos die riesige und kunstvolle Armee, die einst Kaiser Quin für sein Grab bestellt und erhalten hat.

2024-10-22T23:39:07+00:0007 '22|Gesichtsrundschau|

28. Juni 2022 – Fortsetzung

Was versteht Olga Tokarczuk unter „Ognosia“? Es ist kein Verschreiber, sie meint nicht „Agnosie“, sondern eine französische Prägung, die es auch im Polnischen gibt. „Ognosie“ soll bedeuten: einen narrativ orientierten, ultrasynthetischen Prozess der Reflektion von Objekten, Situationen und Phänomenen, die gemeinsam vernetzt in eine höhere Bedeutungsebene gebracht werden sollen. Umgangssprachlich: die Fähigkeit, Probleme kunstvoll durch Erzählung und Detailbeobachtung anzuordnen. Ognosia, schreibt Tokarczuk, arbeitet mit außerlogischen Ereignisketten, bevorzugt Brücken, Refrains, Synchronizitäten. Es gibt eine Nähe zum sogenannten Mandelbrot Fraktal, aber auch zur Chaos Theorie. Nachteil des Verfahrens: es kann die Welt nicht mehr integral erkennen, geschweige denn beschreiben. Lasst uns eine Bibliothek neuer Wörter gründen, sagt sie. Für das Kommende haben wir sie nicht. We will need new maps as well as the courage and humor of travelers who won’t hesitate to stick their heads outside the sphere of the world-up-to-this-point, beyond the horizon of existing dictionaries and encyclopedias. I’m curious what we will see there.

Aber merkwürdig. Ausgerechnet das Menschengesicht scheint doch der letzte Halt im technischen Fluss der Dinge, den die Nobelpreisträgerin nicht bedenkt. Laut neuestem SPIEGEL nutzt etwa die Firma Apple seit Jahren „heimlich aufgenommene Fotos seiner Beschäftigten, um die Gesichtserkennung auf iPhones zu trainieren“. Man erschuf damit das Feature zwecks Entsperrung des Apple Telefons. Die bisher unbekannten Maßnahmen dazu wurden jetzt von einer Whistleblowerin mitgeteilt. Wenn schon nicht wir als sprechende und wahrnehmende Wesen, so soll eben doch wenigstens unser smart phone uns integral erkennen, als Sesam funktionieren.

2024-10-22T23:39:12+00:0006 '22|Gesichtsrundschau|

27. Juni 2022 – Das Menschengesicht verwandelt

Wie mit einem Ruck zeugen zwei Nachrichten vom Ende des angeblich verlässlich menschlichen Gesichts. Die eine handelt vom Videogespräch der Regierenden Bürgermeisterin Giffey mit einem Mann namens Vitalo Klitschko, bekannt als Bürgermeister von Kiew. Erst nach einer Weile fielen ihr Ungereimtheiten auf, er sprach Russisch, obgleich er das Deutsche beherrscht, und er fragte nach Ukrainern, die sich angeblich in deutsche Sozialsysteme einschlichen. Es handelte sich um ein Deep Fake. Die FAZ schreibt: “ Bei diesem Videogespräch war ein eher winterlich gekleideter Klitschko zu sehen. Offenbar verwendeten die Betrüger Bilder oder Videoabschnitte, die aus dem April stammen könnten, und animierten das Material mithilfe eines ComputerProgramms neu. „Giffey sagte dem RBB, selbst Profis könnten nicht unterscheiden, ob sie mit der echten Person sprechen oder mit einem Fake. „Ich habe in hoher Auflösung das Gesicht von Vitali Klitschko gesehen, auch Gestik und Mimik waren da.“

Die zweite Nachricht stammt aus einem langen Artikel der polnischen Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk. Erschienen in der amerikanischen Zeitschrift „Words Without Borders“, handelt er von der biomentalen Weltlage, die sie mit einem neuen Begriff beschreiben will: „Ognosia“. Demnach übernimmt das Prinzip Komplexität auf allen Ebenen des Lebens die Führung. „Es verändert sich durch die Klimakrise, die Epidemie, die Entdeckung der Grenzen wirtschaftlicher Entwicklung, aber auch durch unsere neuen Reflexionen im Spiegel: das Bild des weissen Mannes , des Eroberers im Anzug oder mit Safarihelm verblasst und verschwindet, an seiner Stelle sehen wir Gesichter, ähnlich wie sie Giuseppe Arcimboldo malte – organisch, hochkomplex, unverständlich und hybrid. Gesichter, die eine Synthese aus biologischen Zusammenhängen, Anleihen und Referenzen sind. Heute sind wir weniger ein Biont als vielmehr ein Holobiont, das heisst, eine Gruppe verschiedener Organismen, die in Symbiose zusammenleben.“ Betroffen davon sei vor allem das Modell der Heterosexualität. Das menschliche Geschlecht, schreibt Tokarczek, gleiche inzwischen eher einem „Kontinuum mit einer Bandbreite an Merkmalen […] als dem alten polaren Antagonismus mit den zwei Geschlechtern. Jeder kann hier seinen einzigartigen und eigenen Platz finden. Was für eine Erleichterung!“

2024-10-22T23:39:19+00:0006 '22|Gesichtsrundschau|

26. Juli 2022 – Putins Pokern – Brüssels Bangen

Hat sich etwas verändert seit dem letzten Eintrag vor vier Wochen? Die Ukraine wird weiterhin beschossen, Menschen sterben und flüchten weiterhin, die Regierungen der westlichen Länder bemühen sich weiter um Waffenlieferungen und Flüchtlingsschutz. Und doch wurde ein neues Kapitel eröffnet. Die Ängste des Westens, besonders der Deutschen, steigen massiv durch die gasförmigen Erpressungen, mit denen Putin inzwischen operiert. (Sicher mit einem zynischen Seitenblick auf die Rolle des Gases im Zweiten WK). Zwar hat seit dem 21. Juli die Firma Gazprom die ersehnten Lieferungen durch Northstream 1 wieder aufgenommen, aber sofort wieder reduziert – angeblich, weil eine Turbine der Firma Siemens nicht funktioniert. Nun gibt es nur noch 20% der vereinbarten Menge. Unser Wirtschaftsminister Habeck muss die Bevölkerung anflehen, sparsam zu werden. Strom und Gas könnten demnächst rationiert werden, während die Inflation steigt und die hehren Ziele der Klimawende zerplatzen wie kindische Illusionen. Kohleförderung und Atomkraft kehren zurück; welch eine bittere Paradoxie, dass wir saubere und kühlere Luft nur mit ewigen Giftrückständen erkaufen können. Mit Recht bäumt sich die nächste Generation auf. Wird sie ihrerseits Kinder haben wollen, können, dürfen?

Vor ein paar Tagen wurden die 51. Römerberggespräche aus Frankfurt am Main vom April im Radio noch einmal rekapituliert. „Nie wieder Frieden?“ hiessen sie: „Der Ukrainekrieg und die neue Welt-Unordnung“. Gewichtige und erfahrene Teilnehmer hatte man eingeladen; das Gespräch begann mit dem erschrockenen Fazit von Karl Schlögel, der seine Generation – also auch sich selbst – des falschen Pazifismus beschuldigte; und es endete mit dem Referat von Nicole Deitelhoff, Leiterin des Hessischen Instituts für Friedens-und Konfliktforschung. Sie brachte bedenkenswerte Differenzierungen vor. Die Ohnmacht des Westens, der sich nicht in einen Krieg verwickeln will, aber doch immer mehr kriegswichtige Handlungen begeht, stammt, sagte Deitelhoff, aus den gefährlich „asymmetrischen Interdependenzen“ wie den einseitigen Abhängigkeiten der Nationen von Gas oder Kohle oder „seltenen Erden“. Deitelhoff liess erkennen, dass man unbedingt „Wandel durch Handel“ betreiben und erreichen müsse – aber eben durch richtigen , symmetrischen Handel, durch wahre Verflechtungen, die es keinem einzelnen Partner erlauben, unbeschadet auszusteigen. Genauer wurde sie nicht, denn noch kannte sie im April den neuesten Schachzug nicht. Putin zeigte sich vor wenigen Tagen einverstanden, die Getreidelieferungen der Brüderstaaten Russland und Ukraine wieder aufzunehmen. Auch Russland ist auf Einkünfte angewiesen, die ihm ja aus dem Gashandel fehlen. Ein Vertrag unter Aufsicht des türkischen Präsidenten Erdogan wurde unterzeichnet. Die Ukraine versprach, die Minen aus dem Hafen zu bergen, Russland versprach, Transportschiffe nicht anzugreifen. Tags darauf beschoss es ein Munitionslager in Odessa. Gleichzeitig wurde bekannt, dass Russland 2024 aus dem Programm der Weltraumstation ISS aussteigen wird. Wo bleibt die Verflechtung?

2024-10-23T14:16:22+00:0006 '22|Gesprächsrundschau|

19. Juni 2022 – Alice und Alice

Zehn Tage sind vergangen – das Tauziehen um die Ukraine könnte auch enden. Die Erfolgsmeldungen des kleinen Landes werden nachdenklicher, selbst Niederlagen werden eingestanden und Opferzahlen preisgegeben. Der Coup der drei europäischen Regierungschefs – Macron, Scholz, Draghi – hat gemischte Gefühle hinterlassen. Man versprach Präsident Selenskiy eine europäische Anwartschaft – nachdrücklich zwar, aber mit Kautelen. Der Präsident bedankte sich überschwänglich: mehr als diese Aussicht auf einen EU Beitritt könne man momentan nicht verlangen. Aber Waffen allemal. Aber was löst es aus, dieses Versprechen? Nächste Woche sollen es die 27 Länder der EU einstimmig wiederholen. Bis dahin wird das rasende Kommunizieren alle Flecken auf der untadeligen Opferweste der Ukraine entdeckt haben. Korruption, mangelnde Gesetzgebung, nationalistischer Furor, und anderes. Entdecken wird man auch, dass die Regulatorien der EU selber noch stark verbessert werden müssen, sollten weitere Staaten aus Osteuropa beitreten wollen. Wie soll der Verzicht auf Einstimmigkeit einstimmig beschlossen werden?

Diese hochpolitische Dialogik hat die AfD heute geschickt genutzt. Sie beendete ihren Parteitag mit der Wahl von Tino Chupalla und Alice Weidel, sowie dem Beschluss: keine Waffen mehr an die Ukraine, keine Sanktionen mehr an Russland. Auch wenn man die Russlandnähe von mitterechts schon kannte: so explizite Kanzlerhilfe hätte man nicht erwartet. Denn hinter Scholz, den Zauderer, hat sich doch eine bürgerliche Mitte versammelt, angeführt von der EMMA Herausgeberin, mit ihrem Brief an den Regierungschef. Mit der Bitte um Masshalten, mit der Hoffnung auf Waffenstillstände. Heftig wurde das kritisiert, aber mehr als 300tausendmal unterschrieben. Auf dieses Pferd ist die AfD nun gestiegen. Alice Schwarzer und Alice Weidel traben voran.

2024-10-23T14:17:19+00:0006 '22|Gesprächsrundschau|
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