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8. Juli 2026 – Das Grundversprechen der Demokratie

nennen vier Autoren in der FAZ vom 1. Juli  die Erwartung, die Hoffnung, ja den demokratischen Anspruch überhaupt: „dass wir uns im öffentlichen Gespräch vernünftig verständigen können“. Carsten Brosda, Rainer Esser, Ricarda Lang und Levi Penell.  Mitglieder der Hamburger Regierung, der ZEIT, den Grünen und sogar vom Tiktok Kanal. Neun Forderungen für einen „besseren Umgang mit dem digitalen Raum“, für den Kampf gegen eine hysterisch inszenierte Erregungslogik, werden auf einer ganzen Seite ausgebreitet und kulturwissenschaftlich erörtert. Zentrale Anliegen sind 1. Digitalsteuer und Plattformabgabe. 2. Stärkung öffentlicher Medien. 3. Konsequente Durchsetzung des Digital Service Act. 4. Algorithmische Transparenz. 5. Verantwortungszwang für Plattformbetreiber. 6. Digitaler Medienstaatsvertrag. 7. Verlässliche Identifikation 8. Wirksamer Jugendschutz  9. Künstliche Intelligenz als neue Stufe der Plattformmacht.

Mit all diesen Massnahmen will man Systeme verhindern, die „mit maximaler Reichweite, maximaler Erregung und maximaler Verweildauer Geld verdienen – unabhängig davon, welche gesellschaftlichen Schäden sie erzeugen. Solche Systeme dürfen demokratische Gesellschaften nicht als naturgegeben hinnehmen. (…) Wenn  Aufmerksamkeit systematisch nach Empörung, Suchtpotential und kommerzieller Verwertbarkeit sortiert wird, verliert die demokratische Öffentlichkeit ihre Grundlage.“

Kann irgendetwas davon unter einem WeidelDiktat realisiert werden?

 

2026-07-08T18:05:46+00:0007 '26|Gesprächsrundschau|

6. Juli 2026 – Masken mit Rotlicht

Vor zwei Tagen berichtete die FAZ  auf der Unternehmensseite von der jüngsten kosmetischen Sensation. Zu Beginn der Serie „Emily in Paris„, dritte Staffel, trägt die Schauspielerin Lily Collins eine LED Maske mit Rotlicht-Strahlen.  Sie „soll bei täglicher Anwendung die Haut verjüngen, gegen Unreinheiten helfen und Falten reduzieren“. Das inzwischen millionenfach verkaufte Produkt gehört der britischen The Beauty Tech Group ( TBTG); der Markenname heisst dort Current Body Skin. Im Oktober 2025 ging man an die Börse, die Aktie kostet jetzt fast vier Euro.  Konkurrenz gibt es aus Amerika, sogar aus Deutschland unter dem Namen Rosental oder ( aus Köln) Nude Cosmetics. Der Traum vom unverwelklichen Gesicht treibt junge wie alte Frauen ins Geschäft. Um die 40% der jährlichen Ausgaben weltweit (also vor allem in USA) gelten der Gesichtskosmetik. Ob diese hier wirklich lebensverlängernd wirkt, bezweifeln die Experten allerdings. Aber sie wirkt offenbar positiv. Man kann sich weitere Cremes und Spritzen sparen.  Nebenwirkungen sind zudem nicht bekannt, ausser vielleicht leichte Rötungen und trockene Haut. Neben Rotlicht gibt es inzwischen auch Blaulicht, womit Akne bekämpft werden soll. Der Artikel wurde von Mybrit Martschin verfasst. Für wen wurde er geschrieben?

2026-07-06T09:28:37+00:0007 '26|Gesichtsrundschau|

19.06.2026 – Der Denker des Gesprächs

Heute steht das intellektuelle Frankfurt am Main wieder einmal im Zeichen von Jürgen Habermas. Bundespräsident Steinmeier spricht um 15 Uhr in der Paulskirche über den ehemaligen Freund; abends soll ein Symposion in der Goethe Universität stattfinden, u.a. anderen mit Peter Gordon, Michael Zürn, Peter Niesen, Seyla Benhabib, Hauke Brunkhorst, Vera King, Klaus Günther, Axel Honneth und Rainer Forst. Dieser Gedenktag ist ein Memento Mori von unerhörter Signifikanz. Denn seit heute weiss man hierzulande Genaueres über den volltönend angekündigten Friedensdialog zwischen USA und Iran/Persien: man weiss, dass man nichts weiss. Man weiss, dass detaillierte Verhandlungen noch vor Beginn abgesagt wurden, dass 60 Tage für diesen Friedensdialog eine lächerliche, fadenscheinige Frist wären, dass die Inszenierung ausschliesslich dem 80. Geburtstag des US Präsidenten galt, dem sich die politische Welt unterwarf. Wolfgang Ischinger sprach frühmorgens in einem Interview mit DLF vollkommen entsetzt über die Szene. Er sei abgrundtief besorgt, nicht nur wegen der sinnlosen Fristsetzung, nicht nur wegen der offenkundigen Niederlage der amerikanischen Position, sondern vor allem wegen einer offen zutage tretenden Dissonanz zwischen Trump und Netanjahu. Denn Israel wünscht keinen Frieden, solange ganze Völkerschaften des Nahen Ostens seinen Untergang herbeisehnen. Wie soll das jemals gelöst, welche Vernunft kann beschworen werden ?

2026-06-19T12:51:42+00:0006 '26|Gesprächsrundschau|

14. Juni 2026 – Kochende Feindschaft

finden wir seit Wochen überall, die Medien nähren sich davon, sowohl auf Papier als auch digital. Der Superstart der Börsenrally durch Elon Musk vorgestern wirkte da wie ein Hieb durch den gordischen Knoten: der Himmelsstürmer raste empor ins All, finanziell und wortwörtlich, hinter sich einen Schweif von Lemmingen, vulgo Aktienkäufer. Dagegen ist Trump nun bloss noch ein einfältiger Hausmakler, der heute 80 wird und seinen Vorgänger Joe Biden noch vor kurzem für dieses denkbare Alter eines US- Präsidenten schmähte. Dabei sind die Vereinigten Staaten noch immer die phantasievollsten Dialogiker inmitten ihrer Kriegswut. Pünktlich zu diesem Geburtstag fand man eine Bemerkung auf der riesigen Rasenfläche zwischen Kapitol und Lincoln Memorial. Jemand hatte mit ätzenden Pflanzenvernichtungsspray  die Ziffern 8647 aufgesprüht – die uns aufklärenden Kommentare besagen, dass es sich bei der Ziffer 86 um einen Mafia-Code handelt, der besagt: „Raus mit ihm“. Die Ziffer hat man schon öfter mit Hass gegen Trump assoziiert, jedenfalls war der Präsident erbost und veranlasste offenbar Recherchen wegen Mordverdachts gegen Unbekannt.

2026-06-14T14:59:10+00:0006 '26|Gesprächsrundschau|

24.05.2026 – Das pfingstliche Gespräch

Niemand möchte heutzutage von einer „Ausgiessung des Geistes“ an irgendeiner Stelle der Weltgeographie sprechen, sofern damit eine erlösende, allseits verstehende, friedenstiftende , gar göttliche Emanation gemeint sein sollte. Das Gegenteil ist der Fall. Unendliche Widersprüche tun sich auf: der stochastische, oder besser: stotternde Duktus der präsidentiellen Kundgaben macht Schule. Wie sollen Weltökonomie und -öffentlichkeit damit fertig werden, wenn allseitige Kriegsführung, allseitige Vertragsbrüche, allseitige Medienskandale usw. zur Regel werden? Karl Schlögel zieht sein Fazit aus Sebastian Haffners Bestseller „Der Teufelspakt“ von 1967, gerade erneut und ungekürzt bei Hanser erschienen. Gemeint war nicht nur der „Deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt“ von 1939 sondern dessen Vorgeschichte.  Unglaublich war von Anbeginn das teuflische Interesse des deutschen Generalstabs an einer Subversion des Zarenreichs durch den Bolschewismus, ergo an Lenin, der in dieser geheimen Mission 1917 durch Deutschland fuhr. Statt Krieg also Bürgerkrieg. Diese Devise haben die USA wieder und wieder befolgt, zuletzt gerade jetzt vor aller Augen katastrophal erfolglos  in Iran. Für die amerikanische Sache – Macht und Kapitalismus – soll kein US Bürger mehr sterben, sondern Inländer der jeweils avisierten Territorien sollen die Fahne des Gegners hissen. Nach tausendfachen Morden an der aufsässigen Bevölkerung wartet jetzt Raza Pahlavi, Sohn von Schah Mohammad Reza Pahlevi, auf diesen Moment.

2026-05-24T15:46:55+00:0005 '26|Gesprächsrundschau|

9. Mai 2026 – Gedenken in Moskau

Heute fand die große Parade zum Gedenken an den sowjetischen Sieg über NaziDeutschland statt. In der Nacht vom 8. auf den 9. Mai 1945 unterzeichnete Stalin die Kapitulationsurkunde, die deutschen Generäle Keitel, von Friedeburg und Stumpf  signierten ihrerseits in Berlin-Karlshorst. Was für ein Dialog! Der Übergang von sprechenden Waffen zu sprechenden Repräsentanten von feindlichen Völkern ist eigentlich immer ein Wunder, bedenkt man die ungeheueren Vorgänge, bis er gelingt. Gerade erleben wir Dauerkriege zwischen Russland und der Ukraine, zwischen Israel, der Hamas, der Hisbollah, dem Iran, zwischen USA und Iran – zu schweigen von Afrika  -doch  überall misslingen die Ansätze, Waffen zum Schweigen und Menschen zum Reden zu bringen. Immerhin gelang es Präsident Trump, die Gedenktage als Zeit stillhaltender Waffen zu fordern, samt Austausch von tausend Gefangenen zwischen Russland und Ukraine.
Pünktlich zum heutigen Datum erschien jetzt erneut ein brisantes Buch zur Geschichte der deutsch-russischen Beziehungen zwischen den Weltkriegen des letzten Jahrhunderts. Sebastian Haffners „Der Teufelspakt“ erschien zuerst 1967 in der Zeitschrift Stern, 1994 gekürzt im Manesse Verlag und nun wieder vollständig mit einem Nachwort von Karl Schlögel bei Hanser. Die schier unglaublichen Verstrickungen seit 1915 zwischen deutschen Parteiinfluencern und bolschewistischen Blutsbrüdern muss lesen, wer unsere Gegenwart verstehen und fürchten will. Die von Deutschland geschützte Reise Lenins von Zürich nach Petrograd im Jahr 1917 steht für ein psychohistorisches Erdbeben, weit über den deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt von 1939 hinaus spürbar bis heute.

2026-05-09T16:41:56+00:0005 '26|Gespräch|

2. Mai 2026 – Gesichter auf anderen Körpern

Dieses Thema wurde am 28. März in der Zeitung „Das Parlament“ ausführlich behandelt, in der Beilage „Informationen in Leichter Sprache“. Es ging um Internetfälschungen, die seit Jahren mithilfe von Künstlicher Intelligenz erstellt werden. Die Zeitung formulierte für bildungsferne LeserInnen: “ Viele Menschen sehen jeden Tag Bilder und Videos im Internet. Oft denken sie: Das ist echt, was ich da sehe. Denn die Bilder und Videos sehen oft sehr echt aus. Aber das stimmt nicht immer. Manche Inhalte sind absichtlich verändertt. Sie zeigen Dinge, die nie passiert sind. Dabei wird oft das Gesicht von einer Person auf einen anderen Körper getan. Das englische Fach-Wort dafür heisst so: Deep-Fakes. Das spricht man etwa so aus : Diip-Fäiks.“

Das Parlament ist eine parlamentarische Wochenzeitung in deutscher Sprache, kostet 1 Euro und erscheint im Dienst der politischen Bildung. Die Beilage namens „leicht erklärt!“ kann herausgenommen und etwa in Schulen oder anderen Bildungsstätten verteilt werden. Auch Robotergesichter können gefälscht werden. Die humanoide Verfassung endet an dieser Stelle. Alles, was seit Menschengedenken mit der Wortfolge „von Angesicht zu Angesicht“ verknüpft wurde – vor allem Aufrichtigkeit von Aussagen – kann von jungen und jüngeren Lesern und Leserinnen alter Texte  nicht mehr verstanden werden.

2026-05-09T15:47:15+00:0005 '26|Gesichtsrundschau|

1.Mai 2026 – „Die Zukunft blickt uns an“

konnte man am 21. April auf der ersten Seite der FAZ lesen. Zu sehen waren die halbmondförmig leuchtenden Augenränder eines Robos (ohne Iris) , als Gruss von der weltgrössten Industriemesse in Hannover vom 24. bis 26. April. Kanzler Merz eröffnete sie zusammen mit dem brasilianischen Präsidenten Lula da Silva; beide seit heute auch im Mercosur Abkommen ökonomisch verbunden. Humanoide Roboter erwecken unheimliche Gefühle bei allen, die nicht mit diesen Werkzeugen arbeiten und Erfolge des Übermenschen nur fürchten. Wie anders empfinden wir seit Wochen die Leiden des Buckelwals „Timmy“, dessen Gesicht wir nicht sehen! Selten wurde der Weltbeobachter so krass zwischen übermächtiger Technik und leidender Natur eingeklemmt wie im letzten Monat. Der erste Mai, den wir heute feiern, droht hinterrücks allerdings mit Leiden für eine arbeitende Gesellschaft, die weitgehend nichts von einem überragenden Golem wissen will.

 

 

2026-05-01T18:21:24+00:0005 '26|Gesichtsrundschau|

15. April 2026 – Gesichtserinnerung

ist das Thema der neuesten Ausgabe von Nature briefing, einem ungemein anregenden Kurznewsletter aus der Naturwissenschaft mit Links und Verweisen auf originale Aufsätze. Heute ging es unter anderem um die Anregung, die das jugendliche Gesicht dem alternden Gedächtnis liefern kann. Angeblich erinnert man sich angesichts der  künstlich wiederhergestellten eigenen jugendlichen Physiognomie besser an die seelischen Inhalte von damals und kann daher auch besser verstehen, wie man wurde wer man ist.

Die Wissenschaftler nennen es “autobiographical episodic memory” und folgern: „It enables us to mentally time-travel to the events of our past, allowing us to experience sensory details of things that we’ve seen, heard, tasted, touched, and smelled and the emotions that we felt at those times. “ Ob das zutrifft?  Oder stehen wir schon am Rande unserer Körperverlustigkeit angesichts der KI persona, die uns bevorsteht oder schon übermannt hat?

2026-04-15T17:29:14+00:0004 '26|Gesichtsrundschau|

14.04.2026 – Denunzieren

ist eine der verwerflichsten, wenn auch indirekten Sprechakte überhaupt. Die Linguisten sprechen von einem pragmatischen Akt mit sozialen Folgen, weil es keine juristisch stabile Formulierung gibt, wie etwa bei einem Heiratsversprechen. Deutschland hat eine traurige Kompetenz erlangt: schon im NS-Deutschland konnte man jederzeit Menschen wegen Umgangs mit jüdischen Bürgern in den Tod schicken, auch und vielleicht noch  effektiver in der oder durch die DDR, die doch Nazideutschland mit sowjetischer Hilfe bekämpfte. Ähnlich wie heute völlig grotesk der russische Präsident den ukrainischen des Nazismus bezichtigt, trotz dessen jüdischer Herkunft.

Vor diesem Hintergrund mutet die Initiative der ZEIT geradezu tückisch an. Seit Mitte März 2026 gibt es eine digitale Version der NSDAP Mitgliederliste mit 16 Millionen Einträgen, gezogen aus dem früheren Berlin Document Center. Die ZEIT hat diese Unterlagen technisch bearbeitet und bequem zugänglich gemacht. Sie verkauft diesen Zugang mit einem Abo. Das ist offenbar rechtlich möglich, aber unanständig. Der originale Zugang wird von der NASA (US National Archives) kostenlos zur Verfügung gestellt. Er ist dort vielleicht komplizierter, aber eben frei.

Die ZEIT ist die meistverkaufte Wochenzeitung der Bundesrepublik. Die angebliche Auflage von rund 600tausend Exemplaren  verdankt sie unter anderem dem akademischen Stellenmarkt, den sie weitgehend beherrscht. Die Aufforderung, sich gegen Geld um die Nazivergangenheit von Zeitgenossen zu kümmern, kommt einer Aufforderung zur Denuntiation gleich. Verkleidet als historische Wahrheitsfindung, die auch vor der eigenen Familie nicht innehält. Wer aber kontrolliert das? Welche Rolle wird die gefundene Wahrheit im Umgang mit der DDR spielen, zumal in den kommenden Wahlen? Vielleicht rollt eine zweite AufklärungsWelle nach den Stasiunterlagen über das Land.

 

2026-04-15T17:18:27+00:0004 '26|Gesprächsrundschau|
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