Gesichtsrundschau

2. Mai 2026 – Gesichter auf anderen Körpern

Dieses Thema wurde am 28. März in der Zeitung „Das Parlament“ ausführlich behandelt, in der Beilage „Informationen in Leichter Sprache“. Es ging um Internetfälschungen, die seit Jahren mithilfe von Künstlicher Intelligenz erstellt werden. Die Zeitung formulierte für bildungsferne LeserInnen: “ Viele Menschen sehen jeden Tag Bilder und Videos im Internet. Oft denken sie: Das ist echt, was ich da sehe. Denn die Bilder und Videos sehen oft sehr echt aus. Aber das stimmt nicht immer. Manche Inhalte sind absichtlich verändertt. Sie zeigen Dinge, die nie passiert sind. Dabei wird oft das Gesicht von einer Person auf einen anderen Körper getan. Das englische Fach-Wort dafür heisst so: Deep-Fakes. Das spricht man etwa so aus : Diip-Fäiks.“

Das Parlament ist eine parlamentarische Wochenzeitung in deutscher Sprache, kostet 1 Euro und erscheint im Dienst der politischen Bildung. Die Beilage namens „leicht erklärt!“ kann herausgenommen und etwa in Schulen oder anderen Bildungsstätten verteilt werden. Auch Robotergesichter können gefälscht werden. Die humanoide Verfassung endet an dieser Stelle. Alles, was seit Menschengedenken mit der Wortfolge „von Angesicht zu Angesicht“ verknüpft wurde – vor allem Aufrichtigkeit von Aussagen – kann von jungen und jüngeren Lesern und Leserinnen alter Texte  nicht mehr verstanden werden.

2026-05-09T15:47:15+00:0005 '26|Gesichtsrundschau|

1.Mai 2026 – „Die Zukunft blickt uns an“

konnte man am 21. April auf der ersten Seite der FAZ lesen. Zu sehen waren die halbmondförmig leuchtenden Augenränder eines Robos (ohne Iris) , als Gruss von der weltgrössten Industriemesse in Hannover vom 24. bis 26. April. Kanzler Merz eröffnete sie zusammen mit dem brasilianischen Präsidenten Lula da Silva; beide seit heute auch im Mercosur Abkommen ökonomisch verbunden. Humanoide Roboter erwecken unheimliche Gefühle bei allen, die nicht mit diesen Werkzeugen arbeiten und Erfolge des Übermenschen nur fürchten. Wie anders empfinden wir seit Wochen die Leiden des Buckelwals „Timmy“, dessen Gesicht wir nicht sehen! Selten wurde der Weltbeobachter so krass zwischen übermächtiger Technik und leidender Natur eingeklemmt wie im letzten Monat. Der erste Mai, den wir heute feiern, droht hinterrücks allerdings mit Leiden für eine arbeitende Gesellschaft, die weitgehend nichts von einem überragenden Golem wissen will.

 

 

2026-05-01T18:21:24+00:0005 '26|Gesichtsrundschau|

15. April 2026 – Gesichtserinnerung

ist das Thema der neuesten Ausgabe von Nature briefing, einem ungemein anregenden Kurznewsletter aus der Naturwissenschaft mit Links und Verweisen auf originale Aufsätze. Heute ging es unter anderem um die Anregung, die das jugendliche Gesicht dem alternden Gedächtnis liefern kann. Angeblich erinnert man sich angesichts der  künstlich wiederhergestellten eigenen jugendlichen Physiognomie besser an die seelischen Inhalte von damals und kann daher auch besser verstehen, wie man wurde wer man ist.

Die Wissenschaftler nennen es “autobiographical episodic memory” und folgern: „It enables us to mentally time-travel to the events of our past, allowing us to experience sensory details of things that we’ve seen, heard, tasted, touched, and smelled and the emotions that we felt at those times. “ Ob das zutrifft?  Oder stehen wir schon am Rande unserer Körperverlustigkeit angesichts der KI persona, die uns bevorsteht oder schon übermannt hat?

2026-04-15T17:29:14+00:0004 '26|Gesichtsrundschau|

30. März 2026 – Und nun starb Alexander Kluge

der großartige Filmrevoluzzer aus Halberstadt, Buchautor mit dem intellektuellen Nachlass eines Insektenauges,  und tausenden von Interviews auf der Sendefrequenz von Dctp, die er juristisch für sich und seine Gemeinde erstritten hat. Selten gab es den Fall eines Kulturgenies mit zahllosen Anhängern ohne jede charismatische Tücke. Ausser Jonathan Meese hat ihn wohl niemand zur Ikone von Liebe und Kunst erkoren: diese Freundschaft gehörte wohl  zu den Tröstungen seiner letzten Jahre. Der trockene Sachsenhumor hat ihn von Anbeginn eher zum Dadaisten, das heisst zum Collageur gewandelt, Wirklichkeitssätze standen unvermittelt neben alternativen Fakten. Ich hielt ihn für einen Bruder der Hannah Höch –  viel eher als einen von Habermas. Friede seiner Seele! Ruhe seiner Asche!

2026-03-30T09:55:38+00:0003 '26|Gesichtsrundschau|

10. Februar 2026 – Golems Gesicht

tritt immer deutlicher aus dem technischen Nebel von heute hervor. Man lese die denkwürdigen Berichte aus dem Handelsblatt von gestern. Der eine Artikel alarmiert, der andere moderiert. „Die Angst vor dem KI-Crash trügt“ heißt es erst einmal, um dann von den neuen Generationen zu berichten: OpenAI Codex 5.3 oder Claude Opus4.6. Hier „wird Software nicht mehr geschrieben, sondern erzeugt. Was lange ein Versprechen war, wird jetzt Realität: Hochwertige Programme entstehen automatisiert.“ Das glühende Zentrum dieser Entwicklung heißt Open Claw. „Ein offenes Agentensystem, entwickelt von dem österreichischen Entwickler Peter Steinberger. … es verbindet KI nicht nur mit Text, sondern mit Dateien, Programmen, Webseiten und Handlungen in der realen Welt“. Mit anderen Worten: die KI wird nicht nur besser, sondern selbständig. Daher wird herkömmliche Software für die Firmen überflüssig, was wiederum deren Kurse an der Börse abstürzen lässt.
Aber nicht diese Kurse sind wichtig, sondern das Verhältnis von Mensch und Maschine, schreibt Stephan Scheuer vom Handelsblatt.

In derselben Ausgabe vom Handelsblatt warnt hingegen der KI Forscher Nate Soares vor einer Auslöschung der Menschheit durch Open Claw. „Im Netzwerk Moltbook können diese autonomen Programme miteinander kommunizieren, mithilfe der Plattform RentAHuman.AI sogar Menschen für Aufgaben anheuern. Wenn man die Intelligenz dieser Systeme noch weiter steigere, sagt er, „dann entstehen KI’s, die sich überhaupt nicht mehr für uns interessieren. Vielleicht bauen sie in der Zukunft eine >User Farm < auf, in der sie Menschen züchten, die besonders leicht zufriedenzustellen sind, um ihre Ruhe vor uns zu haben.“

Auf der ersten Seite berichtet uns das Handelsblatt vom 9. Februar 2026 von einer „KI-Krise an der Börse. Alphabet, Amazon, Meta und Microsoft haben bereits mehr als eine Billion Dollar an Marktkapitalisierung verloren. „

2026-02-10T10:25:19+00:0002 '26|Gesichtsrundschau|

27. Januar 2026 – Das Mar-a-Lago-Gesicht

ist ein Konstrukt der MAGA Ästhetik; die KI von Microsoft beschreibt es so: „überstraffe Haut, stark betonte Wangenknochen, sehr pralle Lippen, kantige, scharf definierte Kinnlinie, starkes Make-up, reduzierte oder eingefrorene Mimik.“ Ist es eine Schwester von Barbie? Oder eine Tante von Haushaltsrobotern wie Ameco, Sophia oder NEO? Oder eine immer frisch gebärfreudige HochzeitsPuppe? Die jüngste Film mit einer Liebesgeschichte zwischen Menschenfrau und Roboter „Ich bin dein Mensch“ 2021 von Maria Schrader, bietet aber gerade keine platte Sexattraktion sondern schlimmer: einfühlsame Kommunikation. Das Mar-a-Lago-Gesicht dagegen passt und gehört zur Golflandschaft des Diktators. Golf spielen heisst: einsam mit Kugel und Schläger und Loch. Kein sehr erotisches setting.

Eine ähnliche Entführung des Menschen durch einen Robo hat Peter Praschl in der WELT vom 23. Dezember beschrieben, als Verlust von Kindern , die sich lieber mit der KI unterhalten als mit den Eltern. An diesem 23. Dezember, also in Erwartung des Christkindes, schrieb er:

„Kinder und Teenager benutzen KI längst nicht nur als Werkzeug, sondern als Gegenüber. Als etwas, das antwortet, zuhört, mitdenkt, beruhigt, erklärt, bestätigt. Als eine Instanz, die immer Zeit hat, nie genervt ist, nie „nicht jetzt“ sagt. Je jünger man ist, desto weniger fremd wirkt diese Konstellation. Wer gleich nach dem Ende der Kuscheltierphase, mit YouTube Tutorials, Stimmassistenten und algorithmisch kuratierten Feeds umzugehen gelernt hat, für den ist das Sprechen mit Maschinen Alltag. Warum das so gut funktioniert? KI ist höflich. Sie unterbricht nicht. Sie hört zu oder simuliert es zumindest perfekt. Sie ist nicht müde, abgelenkt, latent enttäuscht. Ihre Rückfragen klinen nach Interesse. Sie verurteilt nicht, widerspricht selten, verpackt Kritik in die Watte von guten Vorschlägen.
Für viele junge Menschen ist das ein radikal neues Beziehungserlebnis. Kein Erwachsener, der erzieht. Kein Lehrer, der bewertet. Keine Peergroup, die beobachtet. Sondern ein Raum, in dem man sprechen kann, ohne soziale Kosten zu zahlen und in dem man keinen Gesichtsverlust erleidet. Das ist, in einer Lebensphase voller Scham, Unsicherheit und Selbstbeobachtung unglaublich verführerisch.“

Wir Erwachsenen halten dagegen: unerhörten Kindesmissbrauch durch Künstliche Intelligenz in der Software GROK von Elon Musk, überhaupt unerhörte Missbräuche durch anonyme Schaltungen aller Art. Das Druckmittel der EU gegen die verkommenen KI Milliardäre ist und bleibt die AI Act: Verordnung über Künstliche Intelligenz der Europäischen Union, inkraft seit Februar 2025.

2026-01-27T10:54:09+00:0001 '26|Gesichtsrundschau|

9. Dezember 2025 – Wie Waffen telefonieren

statt nur zu sprechen, konnte man heute in der New York Times erfahren. Das Editorial Board – also nicht einfach ein Opinion Autor – sprach über die Fortschritte der Waffentechnik: „Targeted bioweapons. Drowns that kill of their own“. „This is the future of war“.  Während die ukrainischen Meister der Drohne ferngesteuerte Einzelmaschinen verschiessen, widmet sich China schon dem Entwurf ganzer Schwärme. „Soon such swarms could hunt and kill of their own.“  Hitchcocks Vögel kommen einem sofort in den Sinn.  Aber die Innovationen beschränken sich nicht auf SF Filme, sie entstehen konkret, und zwar unter unglaublicher Kooperation von öffentlicher Hand, privater Intelligenz, parlamentarischer Zustimmung und astronomischer Geldsummen der US Billionäre. Noch, schreibt die NYT, stehen die USA an der Entwicklungsspitze, aber Russland und China schliessen auf. Und Israel. Und die Ukraine. Vorrangig entwickelt werden überall KI  gestützte Zielsysteme für Drohnen, die auch Einzelpersonen erkennen und töten können. Face detection in action. Was könnte das für den Widerstand in Diktaturen bedeuten?

2026-01-09T10:05:45+00:0012 '25|Gesichtsrundschau, Gesprächsrundschau|

8. Dezember 2025 – Selenykyjs Gesicht

zieht sich nach innen, wenn so ein Akt oder auch dessen Beschreibung überhaupt möglich ist. Er muss mit dem ungeheuren Gesichtsverlust fertig werden, den reale oder fingierte Korruptionsfälle aus seiner nächsten Umgebung verschuldet haben, von Menschen, die vielleicht irgendwann belangt werden, aber nun einfach erstmal von der Bühne verschwinden. Gleichzeitig muss die EU mit sich ringen, ob ein Land mit derart gravierender innenpolitischer Implosion dennoch aufgenommen werden kann, womöglich im Widerspruch zu allen Maßstäben, die einst aufgestellt wurden. Waren sie naiv, diese Vorschriften gegen mafiose Strukturen, hoffte man auf ein Ende des Familien- oder Brüderdenkens im europäischen Riesenverbund von 500 Millionen Menschen? Jedenfalls gelingt es den etablierten Parteien nur mühsam, die demokratische Verfassung familial zu polstern. Alles strebt zum Übervater, sei es der Zar, der Kaiser, der Boss.  Figuren also, deren Gesicht eine territorialer QR Code ist.

2026-01-09T10:06:52+00:0012 '25|Gesichtsrundschau|

30. November 2025 – Wilde Gerüchte

sind eine eigene orale Gattung, verwandt mit Verschwörungsmythen, aber nicht identisch. Wilde Gerüchte wurden erst ein Mal gezeichnet1943 von A. Paul Weber, einem satirischen Grafiker aus Thüringen, Enkel eines Maschinenfabrikanten, Soldat im 1. und 2. Weltkrieg. Das Bild hiess „Das Gerücht“ und zeigt vor einem Hochhaus eine fliegende Schlange mit Menschenkopf, Glubschaugen und Spitzohren, der Körper von Augen besetzt, der Schwanz zerfasert in einen Schwarm. Aus allen Fenstern des Hochhauses schauen Menschen gierig zu. So betrachten die Medien gerade den Friedensprozess um die Ukraine. Drei Kapitel umfasst das Gerücht: den Verlust von ukrainischen Gebieten, den Verlust der Glaubwürdigkeit durch Korruption, den Verlust der Bündniskraft. Die ätzenden Nachrichten über Korruption würden die Aufnahme in die EU verhindern. Die Teilung des Landes würde Russland die Rohstoffausbeutung überlassen und den USA den Gewinn. Das Kraftwerk Saporischja stünde als Ersatz einer atomaren Kriegsmaschine bereit, als Ersatz eines militärischen Aktes, auf den keine NATO zu reagieren hätte. Wer spricht mit wem, wann und wo und wie lange?

2026-01-09T10:09:47+00:0011 '25|Gesichtsrundschau, Gesprächsrundschau|

27. September 2025 – Diella, eine albanische Ministerin

wurde soeben vom Regierungschef Rama als Instanz gegen wuchernde Korruption ernannt, oder besser: eingesetzt, denn es ist eine Künstliche Intelligenz mit dem Gesicht einer beliebten Mediengestalt, die bisher schon im Bürgeramt als chatbot half. „Die Sonne“, heisst Diella auf deutsch, geht nun also auf im einst sowjetischen Albanien, wenn  öffentliche Ausschreibungen anstehen und sie alle nötigen Daten im Handumdrehen präsentieren kann. Sie trägt albanische Kleidung und hat eine vertraute Stimme. Die Entscheidung zu so einem Schritt entspricht etwa dem Einsatz einer Expertenregierung, wenn keine Koalition zustandekommt. Präsident Rama  war und ist eigentlich Künstler. Zeichnet gern während der Arbeit, etwa bei Sitzungen. Eleganter und wirkungsvoller und zugleich bescheidener als Diella könnte keine Menschenfrau auftreten. Man  möchte ihr Glück wünschen bei diesem unerhörten Experiment. Und die Künstler allesamt auffordern, sich vom Polster der Kulturförderung zu erheben und mit KI zu arbeiten.

2025-09-27T17:09:51+00:0009 '25|Gesichtsrundschau|
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