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September 2020

Laut bis dröhnend sind die Importe aus USA fast seit jeher. Unsere Eltern oder Großeltern erlebten entsetzt ein Theaterstück wie „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ (1962) von Edward Albee, 1966 als Film mit Elizabeth Taylor und Richard Burton – wie konnten sich zivilisierte Menschen derart in Hass reden. Die Kehrseite, das verrückte einander-anschweigen, hatte diese Generation schon vorher bei Samuel Beckett erlebt: war Sprache überhaupt noch zu retten?

Und erst recht heute: Nicht nur die dauernde Ferngesprächslage der Handykultur, sondern auch die Einbettung aller Äußerungen in Fadenkreuze von wütend emotionaler Zu- oder Abneigung, Teilung oder Löschung, Verrat oder Geheimhaltung, Anonymität oder Authentizität entscheiden über das gegenwärtige Mitteilungsverhalten von Mensch zu Mensch. Hass hat sich breit gemacht, Unflätigkeit kursiert massenhaft, alles wird denkbar wegen massenhafter Verkleidung und abgründiger Umsturzpläne. Was tritt hier zutage?

Erinnern wir uns: Schon vor 1900 spülte die sogenannte „Neue Musik“ unaufhaltsam einen riesigen Kontinent an Dissonanzen und Explosionen ins öffentliche Bewusstsein; eine zerrissene Landschaft, die bis heute nur qualvoll vernommen oder besucht wird. Gäbe es nicht eine weltweite Tradition der klassischen Harmonielehre, eine weltweite Instrumental- und Gesangskultur, eine Freude am Tanz schlechthin – wir wüssten wahrscheinlich nichts von lustvoller leibsozialer Interaktion beider Geschlechter. Als John Cage 1952 sein Meisterstück 4:33 zur Aufführung brachte, hatte ein philosophischer Kapitän im Narrenkleid das Ruder herumgeworfen. Nicht sprechen, sondern zuhören, lauschen, wäre vielleicht die Rettung.

2024-10-23T14:51:25+00:0009 '20|Gesprächsrundschau|

August 2020

2020 war wohl zu spät. Schon 25 Jahre zuvor hatte es einen ersten, dramatischen kommunikativen Kollaps gegeben – dieses Jahr 1995 könnte überhaupt in die Geschichte der menschengemachten Gesprächszerstörung eingehen. Seit der berüchtigten Schrift von Carl Schmitt über „Politische Romantik“ 1919, sondert eine Priesterkaste des Streits auch sprachlich Freunde von Feinden; längst bilden sie eine intellektuelle Kolonne. Wer nicht versteht, dass es hier um Machtkämpfe geht, und keineswegs um Verständigung, ist verloren.

Immer feinere Werkzeuge des gegenseitigen Betrugs werden sichtbar, immer größere Reichweiten der Sabotage. Dass ein Mann wie Julian Assange seit Jahren vor sich hin vegetiert, von einem Gefängnis zum andern geschickt und mit drohender Ausweisung gefoltert wird, beleuchtet die brutale Innenausstattung der digitalen Welt nur schwach, aber immerhin deutlich. Gesprächszerstörung findet aber auch anderwärts statt, nämlich durch Bildkonsum. Der Satz „Ein Bild sagt mehr als tausend Worte“, gilt eben auch umgekehrt: ein Bild zerstört mehr als tausend Worte – eben weil diese nicht mehr gebraucht werden. Und wirklich: Neben den organischen Gebilden in Flora und Fauna sterben vor unsern Augen bekanntlich auch Sprachen, angeblich dreitausend sind bedroht. Internetdominanz befördert nicht nur der Silicon Valley Speech sondern auch das Chinesische, das die Bildfabrikation seit langem raffiniert beherrscht, mit alltäglichen Milliarden von Emoticons oder Emojis, und den überwältigenden Fortschritten der face detection industry (siehe meine Gesichtsrundschau).

Szenenwechsel: Vor kurzem erschien hierzulande von Bernhard Pörksen und Friedemann Schulz von Thun ein sanfter Ratgeber: „Die Kunst des Miteinander-Redens. Über den Dialog in Gesellschaft und Politik“ – als Gegenstück zu Garton Ash, weniger normativ als vielmehr Bestandsaufnahme der unerhört komplexen Situation. Autoren wie Pörksen und von Thun stehen mit dem Wort „Dialog“ in einer eigenen, langen europäischen Tradition. Sie beginnt mit den Griechen, mit Sokrates und seinem Schüler Platon und dessen ausgepichter Kunst des Diskutierens. Seit der Aufklärung, seit Goethe und Hölderlin, gab es den deutschen Philhellenismus mit einem geradezu metaphysischen Gesprächskult. Um 1900 erwachte mit Heinrich Schliemann ein nahezu leibhaftes griechisches Selbstbewußtsein unter den deutschen Bildungsbürgern: ausgerechnet die Deutschen etablierten nach 1918 und mehr noch nach 1945 eine Kultur des Dialogs als Kulturtechnik des Friedens. Jürgen Habermas wurde der Erbe. Sein Hauptwerk, die „Theorie der kommunikativen Vernunft“ von 1981 warf die herrschaftsfreie, argumentativ verbindliche Interaktion unter sprechenden und denkenden Menschen wuchtig in die philosophische Waagschale. Ein idealistischer Entwurf, aber durchaus im Kontext der innigen deutschen Tradition. Wüßte man nicht, welche ungeheure Weltgeltung Habermas bis heute erlangt hat, welche Leserschaft noch das letzte Werk des 93jährigen von heute aufmerksam liest, man könnte an einen deutschen Holzweg glauben. Aber es ist kein Holzweg – sondern die leise Stimme der Vernunft.

2024-10-23T14:52:32+00:0008 '20|Gesprächsrundschau|

Juli/August 2020 – Geschichte der Maske

Anfang Juli 2020 unterhielten sich zwei Mitglieder der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung über das Wort „Gesichtsmaske“: der Jurist Michael Stolleis und die Autorin und Dichterin Ursula Krechel. Die Anregung zu diesem und einigen weiteren „CoronaDialogen“ stammte aus dem Deutschen Wörterbuch, wo seit Juni ein eigenes Kapitel zum Wortschatz der Corona Epoche eröffnet wurde. Im Newsletter des Instituts für Deutsche Sprache IDS hieß es dazu: „Technische Innovationen, historische Ereignisse, sich wandelnde gesellschaftliche Gegebenheiten oder politische Neuerungen – für eine funktionierende Verständigung muss sich der Wortschatz ständig anpassen. Da kann es schnell passieren, dass man ein Wort hört oder liest, das man noch nicht kennt oder bei dem man sich unsicher ist, wie man es schreibt oder spricht.“

Nun also das wahrhaft neu verwendete und für diese meine Rundschau bedeutsame Wort „Gesichtsmaske“ – semantisch etwas redundant, da das Wort „Maske“ ja immer schon ausschließlich Gesichtsverhüllung – oder kosmetische Handlung – bedeutet hat. Folglich sprechen die beiden Akademie-Mitglieder viel über die Kulturgeschichte der Maske im Theater, bei festlichen Hofbällen, karnevelistischen Umzügen, und natürlich in der ärztlichen Geschichte der Pest seit dem 13. Jahrhundert. Nur dort, in den berüchtigten und furchterregenden Schnabelmasken der Pestdoktoren, hat die Maske eindeutige Funktionen: statt eine bekannte Person zu verfremden, wird hier die Person, der zuständige Arzt, übereindeutig gemacht – in seiner amtlichen Funktion. Das Gebilde schützte den Arzt vor Ansteckung und Gestank und ermöglichte zugleich das Zeigen der Geschwüre.

Die heute weltweit verlangte und benutzte „Schutzmaske“, wie man besser sagen sollte, trifft nun aber eben jetzt auf eine völlig neue Szene, geradezu einen Kulturkampf. Nicht nur entstand durch die Flüchtlingsbewegung um 2015 eine aggressiv neue Sicht auf die Schleierkultur der muslimischen Welt. Durften oder dürfen Musliminnen wirklich Niqab oder gar Burka tragen, dürfen sie in der christlichen Welt mit Kopftuch öffentliche Berufe ausüben? Der Streit ist nicht entschieden, immer wieder gibt es Prozesse. Auch gibt es seit 1985 ein Vermummungsverbot für Massenversammlungen und einzelne Situationen, wie etwa eine Vermummung vor Gericht.

Nun also, seit Anfang des Jahres 2020, gilt das Gegenteil: Vermummung von zwei Dritteln des Gesichts durch einen „Mund- und Nasenschutz“ wird staatlich gefordert und zwar weltweit und ganz besonders bei Massenversammlungen. Plötzlich sehen die Menschen weltweit einander seltsam ähnlich, ein „Weltmenschengesicht“ ist unversehens entstanden, während gleichzeitig eine Rassismusdiskussion wütet. Zufall? Plötzlich verstummen auch alle möglichen Raisonnements, die uns ein Leben mit verhülltem Gesicht aus antiislamischen Motiven als mörderische Feindestat erklärt haben. Niemand wollte damals erklären, warum die österreichische Gemeinde Bad Ischl immer schon zahllose gesichtsverhüllte Gäste aus arabischen Ländern geduldet hat – bis die finanziellen Erträge offenbar wurden.

Noch interessanter wird das neue Weltgesicht aber angesichts der politisch- technischen Entwicklungen, wie sie in vielen früheren Einträgen hier beschrieben wurden: das fieberhafte face detection development – im Dienst der verkehrs- aber auch moralpolitischen Überwachung. Nun müssen zahllose Ausnahmeregeln getroffen werden: maskenlos soll man im Auto hinter dem Steuer besser erkannt zu werden, vor Gericht und amtlichen Instanzen natürlich ebenfalls, aber Masken sollen im staatlichen Umgang, etwa Schulen, unbedingt gelten.

Manche BürgerInnen empfinden dies nun als Akt der undemokratischen Grundrechtsberaubung. Am 29. August gab es einen denkwürdigen Prozess dazu in Berlin: Heerscharen von Regierungsgegnern aus ganz Europa, aber besonders aus Stuttgart, wollten sich ohne Schutzmaske in der Hauptstadt treffen – die Richter mussten beraten, wie sie einer drohenden Saalschlacht mit möglichst gewaltfreier Polizeimacht entgegentreten wollten.

2024-10-22T23:43:06+00:0008 '20|Gesichtsrundschau|

Juli 2020

Seit dem 28. Juli 2020 gibt es einen neuen podcast, aus der Taufe gehoben und moderiert von Michelle Obama. Angesiedelt auf Spotify, eingerichtet als Gespräch mit immer wieder andern Menschen, beginnt er mit – ja, natürlich, Barack Obama. Wann haben wir uns zuerst gesehen? Wie war das? Die beiden unterhalten sich höchst lässig. Und die Medien (ausser Fox News) sind begeistert. Sie finden Spotify ebenso im Rampenlicht wie die Spitzenleute der Demokraten, sie müssen nicht wieder Hillary sehen sondern eben die herausragende Vertreterin der schwarzen Minderheit, die heute so hart umkämpft wird. Und sie sehen: die attraktive Mutter zweier Kinder. Und alles im Vorfeld der Wahlen. Wird Michelle womöglich gegen Trump kandidieren? Nein, ich höre, sie hat das abgelehnt, gerade wegen der unglücklich ehrgeizigen Hillary. Aber wie repräsentativ ist dieser lockere speech? Ist er nicht eine unerhörte Ausnahme in unserer weltweit verwilderten Kommunikationsszene.

Szenenwechsel: ebenfalls in den USA erschien soeben ein Buch von Suzanne Noessel, eine der CEOs des amerikanischen PEN: „Dare to Speak. Defending Free Speech for all“. Seit Trumps Amtsantritt bewacht dieser PEN die Szene der Medienkontrolle und – manipulation durch die neue Administration. Längst sind die Amerikaner auf demselben Niveau wie China: der permanente Fake-Vorwurf der Republikaner führte zum Sterben zahlreicher regionaler Zeitungen, denen niemand mehr glauben will oder darf. Journalisten werden eingeschüchtert, entlassen, verunglimpft. PEN America blickt auch über die Grenzen und berichtet von derartigen Attacken weltweit. Das öffentliche Gespräch ist verwüstet. In weiter Ferne liegt der Versuch von Timothy Garton Ash über Redefreiheit – an der er 2016 noch hing, idealistisch ahnungslos über die kommenden Entwicklungen. Zehn Gebote stellte er auf, die ein sozial fruchtbares kommunikatives Verhalten ermöglichen sollten. Die Utopie hieß: Redefreiheit in der digitalen Welt, bei gleichzeitiger Bändigung der negativen Auswüchse, die eine soziale Öffentlichkeit mehr und mehr lähmte. Konnten und würden facebook et aliae gleichzeitig zensieren und Gewinn erwirtschaften?

2024-10-23T14:53:50+00:0007 '20|Gesprächsrundschau|

Mai 2020 – Folgenabschätzung war offenbar immer schon Frauensache

Die Nachrichten überschlagen sich – nachdem angeblich eine Firma aus Israel namens „AnyVision“ für biometrische Überwachung der Westbank sorgen wird. „AnyVision“, eine face detection software, mischt angeblich auch bei der kommenden Drohnenbewaffung weltweit mit. Drohnen werden gezielt genau einzelne Menschen töten und dabei filmen können. Ein riesiges Geschäft – ähnlich wie die Covid 19 Forschung.

Ihretwegen wurden vor zwei Wochen offenbar deutsche Rechner überfallen, von Hackern. Ich lese in der FAZ vom 27. Mai, daß “ die drei größten deutschen Rechner, der Hawk in Stuttgart, der Supermuc in Garching und der Juwels in Jülich von einem Hackerangriff komplett lahmgelegt“ wurden. Weitere Angriffe trafen Freiburg, Dresden, Karlsruhe sowie mehrere Rechenzentren in Europa. Und auf diese Technik verlassen wir uns nun alle, diese Technik soll fieberhaft durchgesetzt werden, mit Milliarden finanziert. Welche suizidale Veranlagung begleitet das männliche Denken seit wir von Denken sprechen können. Ikarus und Prometheus waren die Urväter – ein Ding wie Folgenabschätzung war offenbar immer schon Frauensache. Eine schwangere Frau weiss, was Schwangerschaft bedeutet. Denker wie Günter Anders, der Hiroshima reflektierte wie kein zweiter, müssten neben Hannah Arendt erscheinen, statt immer wieder Heidegger aus dem Grabe zu holen.

2024-10-22T23:43:12+00:0005 '20|Gesichtsrundschau|

Februar 2020 – Kulturparadoxe Szene

Was für eine kulturparadoxe Szene ergibt sich doch im Moment aus der seltsamen Corona Pandemie! Die millionenfache und weltweite Verwendung der hygienischen Gesichtsmasken liefert das westliche Pendant zur orientalischen Burka! Nicht schwarz, sondern weiss wird nun das Gesicht verhüllt und der Face Recognition Verfolgung weitgehend entzogen. Die Natur greift zur Tarnkappe, sie schützt Unterdrückte. So sieht es jetzt jedenfalls aus. Der physiognomische Overkill der digitalen Gesellschaft geht aber natürlich immer weiter. mehr

Das natürliche Gesicht, ungeschminkt, unoperiert, unformatiert mit seinem Weinen und Lachen und Grinsen entgleitet uns, und mit ihm die naturbelassene Kommunikation im mimischer und gestischer Hinsicht. Diese Naturzüge sind längst Teil der Roboter Industrie. Ein US Startup hat vor einiger Zeit „Erika“ (Name geändert) erfunden: einen Roboter in Menschengestalt, gefüttert mit Sprache und Denken einer individuellen Person. Es soll ein dialogischer Spielfreund sein, gedacht für einsame Seelen, aber auch bipolare oder depressive Geschöpfe: eigentlich also eine Art gesunder und funktionierender Zwilling. Kein Siri, sondern eben wirklich individuell und android zugeschnitten. Ein Hit in Zeiten, die „Einsamkeitsministerien“ ersonnen haben?

2024-10-22T23:43:17+00:0002 '20|Gesichtsrundschau|

September 2019 – Das Denisova Mädchen

Das Gesicht als physisches wie auch semantisches Schlachtfeld der Evolution zu bezeichnen ist wahrscheinlich noch untertrieben. Wieder zwei Nachrichten will ich notieren. Aus nur einem einzigen Kinder-Fingerchen von der sibirischen Denisova Höhle will man die nötigen DNA Daten zu einer Gesichtsrekonstruktion gewonnen haben.

Wie sieht das Denisova Mädchen aus? mehr

Die SZ vom 20. 9. berichtet eher skeptisch: “ Ein wenig ernst sieht das Mädchen auf dem Bild aus. Die dunkle Stirn ist leicht gerunzelt, der breite Mund etwas geöffnet. Große Zähne hatte das Kind, olivfarbene Haut und zottelige dunkle Haare.Die Augen sind mandelförmig und braun.“ Das Porträt will ein Geschöpf zeigen, dessen Familie vor 50tausend Jahren ausstarb. Das Team um David Gokhman, Stanford, und Liran Carmel, Jerusalem, nutzte ein Relikt, das 2008 gefunden wurde. Eines von sehr wenigen Relikten dieser alten Homo-Art. Wir sehen also eine enorme Spekulation, vielleicht einfach ein Märchen. Warum? Ich erinnere an den spektakulären Fund eines Schädels unter dem Pflaster von Jerusalem, der um 200 n.Chr. datiert und vor einigen Jahren gesichtsrekonstruiert wurde: so ähnlich hätte Jesus aussehen können. Eine Steilvorlage für die Filmindustrie, aber auch für die Forscher*innen. Die betreffenden Institute erhalten mehr Zuwendungen, die Urheber mehr Klicks, die Laufbahn nimmt ihren Lauf.

Der zweite Fall: die dramatische Opposition gegen die Facial Recognition Industry. Nicht nur die bildende Kunst, auch die Musiker wehren sich jetzt dagegen, dass ihr Publikum stellenweise penibel registriert wird. Eine Gruppe namens „Digital rights group Fight for the Future bezeichnet in einem BLOG namens iq-mag.net diese Technologie als ungenau, übergriffig, diskriminierend und gefährlich. Recht so – doch andererseits erfahren wir gerade von Jens Balzer, wie aberwitzig rechtsextrem dieses POP Publikum inzwischen geworden ist: vgl. seine beiden Bücher aus diesem Jahr 2019 „Pop und Populismus“, sowie „Das entfesselte Jahrzehnt. Sound und Geist der 70er“.

2024-10-22T23:43:22+00:0009 '19|Gesichtsrundschau|

September 2019 – Gesichtserkennung zum xten Mal

Der Monat beginnt mit zwei Paukenschlägen im physiognomischen Gehäuse: erstens verkündet facebook eine Schutzmaßnahme in der Gesichtswirtschaft, bei heise.de steht dazu folgendes: „In den kommenden Wochen soll die Gesichtserkennung allen Nutzern zur Verfügung stehen.

Ist sie aktiv, wird der Nutzer weiterhin informiert, sobald ein öffentlich gepostetes Foto oder Video von ihm erscheint. Auch die Markierungsvorschläge bei Freunden erscheinen dann wie gewohnt. Dadurch soll laut Facebook die eigene Identität geschützt werden können: Etwa wenn jemand ein Profilfoto kopiert und als eigenes verwendet. Auch helfe die Funktion, um mehr relevante Inhalte zu finden, heißt es in der Erklärung“. Diese Formel „allen Nutzern zur Verfügung“ bedeutet: automatisch werden alle Gesichter gescannt – wenn man nämlich vergisst, diese Funktion auszuschalten. Wer verfügt über diese Gesichtermassen? Wie nahe rückt diese jetzt noch schutzversprechende Massnahme an chinesische Vorbilder, wenn man die Vergesslichkeit der User bedenkt?

Wie eine Antwort darauf wirkt die Erfindung einer jungen Künstlerin aus Leipzig. Nicole Scheller hat eine Jacke aus Armeestoff geschneidert, die ihre Träger für Kameras unsichtbar werden läßt. Verschiedene Barcodes sind über den Stoff verteilt, die das Kamera-Auge irritieren. Sie arbeitet auch an einer handy Maske. kulturzeit 3sat 3.august 2019.

2024-10-22T23:43:27+00:0009 '19|Gesichtsrundschau|

August 2019 – Polizeiwissenschaft und Rassenkunde

Vor wenigen Wochen hat der Kameramann und Filmemacher Gerd Conradt (78) einen Film über die dramatische Situation des Gesichts vorgestellt. „FACE IT“ wurde am 24n Juli im Karlsruher ZK uraufgeführt; es ist eine Bestandsaufnahme von und ein Protest gegen die Experimente, die seit geraumer Zeit am Berliner Bahnhof Südkreuz stattfinden.

Hier können sich Probanden filmen und codieren lassen, um dann bei jedem Auftauchen am Bahnhof, jedenfalls an einer bestimmten Stelle, wiedererkennbar zu sein und also verfolgbar zu werden. Conradt interviewt alle möglichen Akteure in diesem technischen Futurium: die Techniker selber, aber auch Künstler und Protestler, sogar Kulturwissenschaftlerinnen wie Sigrid Weigel oder Politikerinnen wie Dorothee Bär, Staatsministerin für Digitales, sprich digitale Aufrüstung.

In einem Interview in der WELT vom 26. Juli äussert sich Conradt mit phantasievollem Zynismus. Zu seinem Kummer gelang es ihm nicht, die Protestgruppe zu wirklichen Angriffen auf die Kameras zu bewegen; nicht einmal mit Tüchern wollte man sie verhängen. Die Stimmung schien fatalistisch. Alles sei zu spät, sagte auch der Künstler Johannes von Bismarck.

Historiker der Physiognomik wundern sich nicht. Schon Lichtenberg hat diese physiognomischen Exzesse kommen sehen, und nach Einbruch der Fotografie in den Wahrnehmungsapparat des Alltags war ohnehin kein Halten mehr. Polizeiwissenschaft und Rassenkunde waren seit der Frühen Neuzeit mit physischer Registratur befasst – in aller Regel zu Zwecken der Diskriminierung. Im Film wird ausführlich über Paul Ekman (*1934), den Vater der US-Physiognomik gesprochen. Er arbeitet seit Trump im Home Ministry als Lügendetektor. Ekman war Sohn eines Militärarztes und wurde als Heerespsychologe ausgebildet. Er konnte die Forschungen des deutschen Psychologen Philipp Lersch (1898 – 1972) rezipieren. Sie hatten ab 1939 einen Hauptzweck: Simulanten unter den Soldaten zu entdecken. Die fanatische Fragestellung „Fake oder Nichtfake“ stammt aus diesem Arsenal. Leider wurde es in den USA noch nicht publik.

Neu ist heute das totalitäre chinesische Modell. Erst die von Silicon Valley erfunden Technik der smart phones erlaubt ja eine durchgängige Überwachung jedes einzelnen Menschen. Hätte man je für möglich gehalten, dass der Kalte Krieg in Wahrheit auf einen noch kälteren Frieden hinauslaufen könnte?

2024-10-22T23:43:33+00:0008 '19|Gesichtsrundschau|

Juni 2019 – Die Spaltung des physiognomischen Diskurses

Die Spaltung des physiognomischen Diskurses nimmt täglich zu. Einerseits Rückkehr zur alten philosophisch-literarischen Physiognomik, wie sie etwa Matthias Weichelt in seinem Bildband über Peter Huchel wieder erstehen lässt (Berlin 2018); andererseits die Wut der Aktionäre gegen Geschäfte mit Gesichtserkennungssoftware, etwa bei amazon oder überhaupt bei Banken.

Deren Überwachungssoftware hat nacheinander den menschlichen Fingerabdruck, die menschliche Iris, das Gesicht überhaupt und zuletzt die menschliche Stimme verbraucht: allerdings zeigen Umfragen,dass gegen alle biometrischen Verwendungen im online banking Skepsis besteht, Zustimmungen gehen kaum über 15% hinaus. Was in China zur Sozialkontrolle benutzt wird, geht aber offenbar weit über die europäische Technologie hinaus. Hierzulande sind die Kontrollen am Flughafen mit 61 % Akzeptanz am höchsten, sagt die WELT am 18.April 2019.

2024-10-22T23:46:38+00:0006 '19|Gesichtsrundschau|
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