Gesichtsrundschau

Oktober 2011

Der neue Film von Steven Spielberg zeigt den weltbeliebten Comic des Belgiers Hergé, Das Geheimnis der Einhorn in einer oszillierenden Theatralik, mit perfekter „digitaler Maske“: „Zum ersten Mal hat man nicht mehr das Gefühl, es mit einem schlechten Kompromiss aus Real- und Trickfilm zu tun zu haben sondern mit einer eigenständigen Filmästhetik. Das liegt allerdings weniger an der fortgeschrittenen Technik als an der Personenregie von Steven Spielberg“, schreibt Daniel Kothenschulte in der FR.

Andere Kritiker sind nicht so begeistert, wie zum Beispiel Fritz Göttler von der SZ vom 26.10., der meint, der Film lande „in einem toten Niemandsland… mit monströsen Figuren, die bei aller Rasanz, zu der die Dramaturgie sie verdonnert, ihre plastilinöse Plumpheit nicht kaschieren können.“ Auch Andreas Platthaus in der FAZ moniert vieles und vor allem das Fehlen einiger hoch beliebter Szenen. Der ungeheure Aufwand, mithilfe der sog. Motion-Capturing-Technik gezeichnete Figuren zu vermenschlichen, demonstriert die Zielführung der Kinowelt: den Schauspieler letztlich zu ersetzen, wie schon bei „Avatar“. Die 3D-Technik, die mehr und mehr die Kinos erobert und zum Umbau ihrer Technik zwingt, ist dabei nur ein Baustein. In wessen Gesicht schauen wir dann in Zukunft?

2024-10-22T23:44:53+00:0010 '11|Gesichtsrundschau|

September/Oktober 2011

Am 7. Oktober zeigte arte eine Art physiognomischer Reportage unter dem Titel „Durchschaut: Das Rätsel der Gesichter“: einen Film von rund 55 Minuten, hergestellt von Luise Wagner und Andrea Cross. Es gab eine Einleitung über Paul Ekman, den wir hier schon öfter erwähnt haben, dann ein Interview mit einem ehemaligen Geheimdienstler, offenbar ein begabter Mienenleser, ferner ein Kapitel über einen Autisten und die neuesten therapeutischen Maßnahmen, Interviews mit Ethnologen, sowie mit einem Neurologen in Berlin, der versucht, Lügen gleich im Gehirn zu entdecken.

Noch funktioniert das nicht, und die ernüchternde Botschaft des Ganzen ist ohnehin: mimische Kundgaben werden kulturell unterschiedlich entziffert, Autisten sind nicht wirklich heilbar, die Lügenentdeckungstechnik Paul Ekmanns wenig ergiebig, auch wenn dieser enorm viel Geld damit verdient. Was man wissen sollte: Ekmans Facial Action Coding System (FACS) ist maßgeschneidert für InternetUser, die fremde Gesichter auf einem Screen ausgiebig zoomen können! Daher also auch für die Überwachungstechniker, Kunsthistoriker, DVD Verbraucher geeignet.

2024-10-22T23:44:57+00:0010 '11|Gesichtsrundschau|

August 2011

Wie schon angekündigt, hat die große Ausstellung „Gesichter der Renaissance“ im Berliner Bode Museum inzwischen ihre Pforten geöffnet: 170 Exponate sind zu besichtigen, darunter Gemälde von Antonello da Messina, Gentile Bellini, Antonio de Pollaiuolo, Sandro Botticelli, Leonardo da Vinci und Donatello. Hinzukommen Büsten und Medaillen, um möglichst sämtliche Porträtversionen und -funktionen des 15. Jahrhunderts an den Höfen Florenz, Venedig und Norditalien anschaulich zu machen. Der Liebling scheint „Die Dame mit dem Hermelin“ von Leonardo , aus dem Jahr 1490, zu werden: das Porträt der Geliebten des Mailänder Herzogs Ludovico Sforza.

Ebenfalls Aufsehen erregt hat ein Buch von Günter Karl Bose (Hrsg.),“ Photomaton. 500 Automatenbilder: Frauen, Männer, Kinder. 1928-1945.“ Institut für Buchkunst in Leipzig, sehr gelenkig rezensiert von Christian Geyer in der FAZ vom 18. August. Die Besprechung zeigt einmal mehr, wie viel nicht nur im Auge des Betrachters liegt, sondern vor allem in seiner Sprache, in seinem assoziativen Horizont, der von akademischer Seite in aller Regel verengt wird.

Den Gipfel des physiognomischen August brachte aber die Süddeutsche Zeitung mit einer Collage von zwölf MerkelGesichtern, alle mehr oder weniger entstellend, jedenfalls karikaturistisch ausgesucht und montiert. Ein Rückblick auf die Blüte der physiognomischen Denunziation im 19. Jahrhundert, als Daumier die Parlamentarier insgesamt als groteske Masken vorführte und Louis-Philippe als „Poire“, als Birne unsterblich machte.

2024-10-22T23:45:02+00:0008 '11|Gesichtsrundschau|

Juni/Juli 2011

Denkwürdig fand unlängst die FAZ die Tatsache, dass Facebook inzwischen einen Gesichtserkennungsdienst auf den eigenen Seiten freigeschaltet hat. Von nun an kann man jedem Mitglied, das auf einem Foto übermittelt erscheint, einen Namen zuordnen. Angeblich eine praktische Erfindung, auch wenn die Zuordnungen nicht immer stimmen. Mit Recht schreibt aber die Zeitung am 13. Juli auf der ersten Seite: „Rasterfahnder werden das auch so sehen“ – und ermahnt die User, dass man den Dienst auch nachträglich deaktivieren kann. „Vielleicht wäre jetzt der richtige Augenblick.“

Parallel dazu erfahren wir aus dem New Scientist von einer neuen Erfindung: einer Brille, welche die aktuelle Stimmung des Gesprächspartners erkennen helfen soll. Rosalind Picard vom MIT hat in diese Brille eine Kamera eingebaut, die im Gesicht des Gegenübers 24 verschiedene Punkte abtastet, die Wiederholungen der Mienen registriert und das Schema mit sechs gespeicherten Gesichtsausdrücken aus der Forschung vergleicht. Es sind dies die Mienen von Denken, Zustimmung, Konzentration, Interesse, Verwirrung und Ablehnung – als könne man dies wirklich

eindeutig fixieren. Das Ergebnis wird über Lautsprecher am Brillengestell mitgeteilt. Das Ganze soll natürlich eigentlich der Kontrolle der Werbung dienen: kommt sie an oder nicht?

2024-10-22T23:45:07+00:0007 '11|Gesichtsrundschau|

Mai 2011

Das Jahr 2011 will wenigstens hierzulande offenbar zum Jahr des Gesichts werden. Nicht nur die steigende Zahl der Operationen – siehe den Eintrag vom April -, die neuen Mitgliederrekorde bei Facebook, (inzwischen 20 Mill.), auch die markanten Publikationen lassen darauf schließen. So erschien vor kurzem bei Rowohlt das Hauptwerk des amerikanischen Gesichtsfachmanns Paul Ekman unter dem Titel Ich weiss, dass du lügst. Die Erstausgabe von 1991 hieß Telling Lies, aber dann gab es den 11. September 2001, Ekman wurde vom neu gegründeten Home-Ministry angeheuert und erweiterte seine Kompetenz um die physiognomischen Erfahrungen im Umgang mit arabischen Terroristen. Weitere Zusätze gab es 2009, nachdem die höchst erfolgreiche und von ihm beratene Fernsehserie Lie to me erstmals ausgestrahlt wurde. Ekman, der für CIA und die US Armee gearbeitet hat, gilt heute als unbestrittener Chefanalytiker physiognomischer Datensätze.

Ebenfalls ein Hauptwerk zur Anthropologie und Psychoanalyse des Gesichts erschien soeben auf deutsch von Pierre Legendre, dem französischen Juristen und LacanSpezialisten: Gott im Spiegel. Untersuchungen zur Institution der Bilder, Turia & Kant, Wien ; ein Grundwerk zum Problem des Narzissmus. Angekündigt ist ferner ein Werk des Kunsthistorikers Hans Belting über „Gesicht und Maske“. Was schließen wir aus diesem „facial turn„? Warten wir ersteinmal noch ab.

2025-09-30T17:25:03+00:0005 '11|Gesichtsrundschau|

April 2011

Zu Ostern berichtete die New York Times über Gesichtsoperationen in China, einem boomenden Geschäft. Die Internationale Gesellschaft für plastische Chirurgie schätzte die Zahl der Ops im Jahr 2009 auf mehr als zwei Millionen; damit stand China nach den USA und Brasilien an dritter Stelle. Und die Zahl verdoppelt sich jährlich. In den letzten Jahren wurden Ausgaben in diesem Sektor zum viertgrößten Posten der Privatausgaben.

Wie überall rangieren dabei Gesichtslifting und Faltenentfernung an erster Stelle, aber inzwischen steigt die Zahl der Patienten unter dreissig signifikant. Vor allem Lidoperationen und Augenvergößerung nach westlichem Vorbild sind gefragt; dann aber auch markantere Nasen, im Gegensatz zur westlichen Tradition des sogenannten „Nosejobs“. Schließlich soll noch das Kinn schmaler und länger werden. Trotz bedenklicher Mängel im medizinischen Standard kommen 30 bis 40 % der operierten Patienten zurück, um weitere Eingriffe machen zu lassen. Begründet wird alles mit besseren Erfolgsaussichten im Geschäftsleben. Und bedenkt man die Rolle der Porträts in der netzbasierten Ökonomie, kann man kaum widersprechen. Das westliche, aber auch orientalische Gesicht setzt sich durch – aber wer weiss wie lange noch. Vgl.
Sharon LaFraniere, For many Chinese, New Wealth and a Fresh Face, NYT April 23, 2011

Zu all diesen Entwicklungen lese man unter anderm Bernhard Poerksen und Wolfgang Krischke (Hrsg.): Die Casting-Gesellschaft. Die Sucht nach Aufmerksamkeit und das Tribunal der Medien. Halem, Köln 2010.

2024-10-22T23:45:19+00:0004 '11|Gesichtsrundschau|

März 2011

Es hat kein besonderes Aufsehen mehr erregt, was an der Front der kosmetischen Chirurgie im vergangenen Monat stattfand: die erste Volltransplantation eines Gesichts in den USA. Ein 25jähriger Texaner namens Dallas Wiens, der bei einem Unfall völlig entstellt worden war, erhielt im Brigham and Women’s Hospital in Boston in einer 15stündigen Operation ein komplettes Gesicht, das er inzwischen auch ein wenig bewegen kann. Es ist, nach den Operationen

in Spanien und Frankreich der dritte Versuch. Wie die Immunreaktion ausfallen wird, muß sich allerdings erst noch zeigen.

Auch an anderer Stelle gibt es chirurgische Gesichtseingriffe. In einer großangelegten Forschungsreihe, von der Volkswagenstiftung finanziert, präsentiert sich die Abteilung für Kinder Neurochirurgie der Berliner Charité zusammen mit dem Berliner Zentrum für Literatur – und Kulturforschung. In den kommenden drei Jahren soll die Geschichte der medizinischen wie kulturellen Schädelwahrnehmung und Schädelmanipulation reflektiert werden. Darüber wird wird weiter berichtet!

2024-10-22T23:45:25+00:0003 '11|Gesichtsrundschau|

Februar 2011

Eine Ausstellung im Münchner Haus der Kunst und ein opulenter Fotoband haben Ende letzten Jahres den fazialen Diskurs denkwürdig zugespitzt. Die Ausstellung, die Anfang Februar endete, zeigte Gesichtsbilder der holländischen Malerin Marlene Dumas, kombiniert mit Werken alter Meister wie Rembrandt, Hals, van Dyk und anderen. Zusammengeführt wurden sie unter dem Titel „Tronien„: einer Bildgattung vor allem aus dem 17. Jahrhundert, in der das Gesicht in einer Mittellage zwischen Musterbild, Ausdrucksstudie und Maske erscheint, also ohne Bezug auf ein lebendes Modell. So entwirft auch die Malerin Dumas Hunderte von Gesichtern meist von Frauen, und die Modelle sind unwichtig, meist steht die Miene allein im Raum und redet zum Betrachter. Hohle Vielfalt? Kann wirklich Jesus als Vera Ikon hier auftauchen – weil es einen historischen Jesus nicht gab?

Keine Idee von Maske, keine Idee von Muster oder Ausdrucksstudie gibt es in dem Fotobildband Menschenaffen wie wir.Porträts einer Verwandtschaft von Jutta Hof und Volker Sommer. Eine Großaufnahme nach der andern präsentiert Individuen aus den vier großen Gruppen Orang Utan, Gorilla, Schimpanse und Bonobo. Jedes Gesicht gehört einem Individuum, jedes hat auch typische Züge, jedes einen emotionalen Appell. Könnten wir ohne eine solche Idee von authentischen Gesichtern überhaupt leben?

2024-10-22T23:45:29+00:0002 '11|Gesichtsrundschau|

Januar 2011

Das neue Jahr beginnt mit den Verlagsvorschauen, die immer früher kommen und immer längere Jahresstrecken ankündigen. Das Hauptereignis zum ersten Januar war natürlich die Unterstützung von Facebook durch Goldman Sachs und russischer Hilfe: 500 Millionen Dollar sind zugezahlt worden, auf fast 50 Milliarden Dollar hat sich der Wert des „Gesichtsbuches“ erhöht, man wartet gespannt auf den Börsengang.

Im Kunstverlag Schirmer Mosel gibt es das begleitende Bildprogramm: Gleich drei berühmte Fotografen werden mit Porträtalben vorgestellt: über 500 Man-Ray-Portraits aus dem Centre Pompidou; der griechisch-britische Fotograf Platon mit einer Sammlung von 130 Gesichtern unter dem TItel „Power-Ein Portrait der Macht“ sowie ein „Pantheon des deutschen Films“ in hundert Farbtafeln von Jim Rakete. Sicher werden es nicht die letzten GesichterSammlungen in diesem Jahr bleiben, denn für den kommenden August ist im Berliner Bode Museum einen strahlende Ausstellung mit 150 Portraits der Renaissance angekündigt! Wird man, nach dem Börsengang von Facebook, nicht bald vom Facial Turn sprechen?

2024-10-22T23:45:35+00:0001 '11|Gesichtsrundschau|

November/Dezember 2010

In der ersten Dezemberwoche findet in Dresden ein Kongress zur Datensicherheit im Internet statt – eines der Hauptthemen wird, laut Thomas de Maziere, dem Innenminister, die Frage der Gesichtserkennung sein. Neueste Software erlaubt ja, die Gesichter auf digitalen Porträts namentlich so zu kodieren, dass diese Gesichter im Internet sofort überall wieder erkannt und

benannt werden können. Kann man das verhindern? Es ist doch, als sei ein Lasso ausgeworfen, dem niemand mehr entgehen kann, oder nur Menschen in der Dritten Welt ohne Internetanschluss.

Umso auffälliger sind die Anstrengungen der kosmetischen Chirurgie, die inzwischen eine „Epithetik“ kennt. „Epithetiker“ sind kosmetische Chirurgen, welche Unfallopfern das Gesicht rekonstruieren: nach dem Vorbild von „Prothetik„. Anders als die „Prothetiker“, die ja auch mit nicht analogen Gliedmassen arbeiten können – also etwa einem Holzbein – müssen die Epithetiker das Gesicht so genau wie möglich rekonstruieren, bzw. verbessern. Die FAZ brachte am 1. Dezember einen Bericht über Jörn Brom, einen von 38 Epithetikern in Deutschland.

2024-10-22T23:45:39+00:0012 '10|Gesichtsrundschau|
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