Mein Tagebuch trug in den letzten Jahren den Titel „Letzte Rundschauen“, und das offenbar nicht zu Unrecht. Ich verfolge ja hier mit episodischen Einträgen zur Gesprächs- und Gesichtskultur unser Schicksal als das eines organisch kommunizierenden, lebenden und sterbenden Menschen. Eines Menschen in seiner Atmosphäre, wie sie Teilhard de Chardin mit frommer Emphase und zuletzt Peter Sloterdijk mit säkularer Ergriffenheit beschrieben haben. Beide meditierten mehr oder weniger ausdrücklich angesichts der technischen Machtergreifung im Wettrennen zwischen Kommunisten und westlicher Welt, vor allem den USA. Eine Machtergreifung, die der Sonderstellung der Erde im Weltall Paroli bieten will. Chardin hoffte auf den menschlichen Aufbruch zu den Sternen im Zeichen der Auferstehung Christi. Sloterdijk übersetzte Saint-Exupérys Petit Prince.
Heute berichtet die FAZ über die Roboterfirma Unitree. Deren Aktienkurs versiebenfachte sich soeben angesichts der kommenden chinesischen Robotikwoche. „Die Aktien waren hart umkämpft und mehr als 8000fach überzeichnet…. Unitree erreichte damit zeitweise eine Bewertung von umgerechnet 57 Milliarden Euro.“
Die Firma aus Hangzou in Ostchina gilt als bekanntester, wenn auch nicht einziger Hersteller humanoider Roboter in China. Sie können tanzen, turnen und boxen und gelten als „verkörperte Intelligenz“. Weltweit wurden allein letztes Jahr 18000 verkauft; 80 bis 90 Prozent von chinesischen Herstellern.
Seit 19. August läuft in Peking die „Weltrobotikkonferenz“. Sie mündet am Wochenende in 5 Tage „Weltspiele“, eine Art olympischer Disziplin für Humanoide. Fabelhaft verkaufen lassen sich aber nicht nur die menschenähnlichen, sondern auch Hunde in Robogestalt. Milliardenschwer ist der Umsatz, millionenschwer der Gewinn. RoboHunde können als Pet dienen wie auch im Katastrophenschutz und in der Kriminalistik. Nicht auszudenken, wie ergiebig diese Maschinen überall weltweit Arbeiter, Pfleger, Fachpersonal ersetzen und schon ersetzt haben. Der Robo ist der Tod des Menschen: zumal des intelligenten.
Folgt man dem Philosophen Sloterdijk, ist des Menschen neotone Konstitution die Bedingung seiner Intelligenz, definiert als Lernfähigkeit. Gerade weil wir sinnlos früh aus dem Uterus entlassen werden und dann 20 bis dreissig Jahre lernen müssen, sind wir intelligent. Nichts ist für diesen Limbus wichtiger als die organische Atmosphäre, die uns Trial and Error erlaubt, uns mit wechselnden Jahres- und Tageszeiten trainiert, fortwährenden Wetterwechseln und im Zeitalter der Mobilität auch fortwährenden Wechseln unserer geologischen Umgebung. Zu schweigen von wechselnden Sprachwelten.Der Weltraum dagegen ist das Objekt der Physik, auf die wir uns mehr und mehr einstellen. Nein: nicht wir. Ein anderes Geschöpf wird es leisten, wenn das Klima uns keine Atmosphäre mehr schenken kann.
Der größte Kritiker der KI, Noel Harari, hat unlängst verlangt, den Humanoiden statt der gesamten abendländischen Schriftkultur die neuronale Ausstattung des Magens zu verleihen: einem wahrhaft lebendigen Organ, das mit dem gesamten Körper kommuniziert und dessen Nahrung.