Heute wird in Sachsen-Anhalt gewählt. Niemand weiss, was wirklich zustandekommt, die Umfragen gelten als unsicher, die Befragten als gerissene Politiker, denen an der Drohkulisse einer regierungswütigen AfD  gelegen ist. Gestern abend wurde in der Berliner Philharmonie schonmal eine denkwürdige Uraufführung geboten, die zur politischen wie auch zur Gesichtsgeschichte deutscher Kultur gehört: die Komposition „La Sainte Face“ von Yvonne Loriod (1924 bis 2010). Eine glänzende Pianistin war sie, aber auch Ehefrau des wunderbaren Olivier Messiaen, dem wir akustische Naturpanoramen verdanken, geradezu Vogelkunden mit Witz und Eleganz. Dass Yvonne Loriod selber auch komponiert hat, wird erst jetzt wahrgenommen, der Stardirigent Kent Nagano wusste es lange, hat aber erst jetzt ihr Hauptwerk aus dem Jahr 1945  mit dem WDR Sinfonieorchester in Berlin uraufgeführt. Die Philharmonie war zu zwei Dritteln besetzt, vermutlich mit einem fromm gebildeten, wenn nicht vornehmlich katholischen Publikum.

Das Antlitz des leidenden Christus wird natürlich schon immer dargestellt und angebetet, zumal seit Ausstellung des sogenannten Grabtuches 1587 im Turiner Dom, aber erst recht nach den Offenbarungen der Therese de Lisieux , die eine  eigene französische und weibliche Religiosität begründet hat.

Wie auch immer: Yvonne Loriod hatte neben dieser Passionspraxis aber wohl auch eine andere Kunstform im Sinn.  Das Oratorium besteht aus zwei Teilen, der erste betrauert das Leiden Gottes im Angesicht des Sohnes, der zweite meditiert leidenschaftlich verliebt über die Lilie als Blumengesicht des Herrn. Teil eins beklagt das Gesicht des Leidens en detail – Mund, Nase, Augen, Haare – bis zum wütenden Angriff durch das Böse, auf das ganze Gesicht.

Im Begleitheft lernt man, dass es verwandte Kompositionen gibt: einen Passionszyklus von Dietrich Buxtehude namens „Membra Jesu Nostri Patientis Sanctissimua“ aus dem 17. Jahrhundert, oder auch ein modernes Luzifergesicht von Karlheinz Stockhausen.  Noch näher liegen der französischen Kultur aber wohl sprachliche Anbetungen: die sogenannten „Blasons auf den weiblichen Körper“ aus dem 16. Jahrhundert, erotische Verse über einzelne Körperteile.

Welchen Körper besingt aber die einsame Sängerin dieses Oratoriums 90 Minuten lang, im Trio begleitet von Harfe und Querflöte? und einem zeitweise auftrumpfenden Orchester? Tonale Barockkunst hören wir nicht, vielmehr ein riesenhaftes Lamento, eine Art Rosenkranz beständig variierender Repetition, kristallisiert um wenige Töne, Tonhöhen und Zeitfenster: im Gewand chaotischer Dissonanzen. Insgesamt eine Qual für das Ohr: wahrhaft eben Passionsmusik aus der Zeit des zweiten Weltkriegs.